Ein Gastbeitrag von Thora Christina Strajhar, Blauwasserseglerin seit 2002, vorzugsweise in der Adria, und laut Eigendefinition jemand, der auf kleinem Raum überraschend gut klar kommt und herzlich über sich selbst lachen kann.

Thora Christina Strajhar und ihr sicher zu Wasser gelassenes Boot.

Irgendwas ist immer. Schon meine Schwiegermutter hat mir diese Erkenntnis vor einigen Jahren mitgeteilt. Sie muss es wissen, da ihre Kinder auf einem Segelboot groß geworden sind.

Nun, inzwischen haben mein Mann Christian und ich unser eigenes Segelboot. Und was soll ich sagen – es braucht keine wissenschaftlichen oder empirischen Studien um diese These zu bestätigen. Der Zeitraum zwischen “Irgendwas ist immer” ist dabei durchaus als flexibel anzusehen. Mal passiert viele Tage gar nichts, so dass sich schon eine gewisse Unruhe einstellt. Schließlich traut man dem Braten der See nicht. Doch dann sind da diese Tage, an denen sich die Ereignisse wie an der Bugleine geschnürt aufreihen lassen…

Anreisetag. Die geheimnisvolle Unbekannte zu jeder Jahreszeit

In diesem Jahr können wir erst spät unser schwimmendes Zuhause ins Meer lassen. Meiner Vorfreude tut dies keinen Abbruch, denn der Spätsommer und Herbst hat in Kroatien mit seinen Winden definitiv seine Reize.

Der Tag der Anreise ist gekommen, das Boot soll vom Trailer ins Wasser gekrant werden. Für 10 Uhr ist der Krantermin angesetzt. Damit wir pünktlich am Hafen in Sukuśan sind, fahren wir zeitig los. Sicher ist sicher. Leider haben wir nicht mit der örtlichen Polizei gerechnet, die uns plötzlich anhält. Was ist passiert? Zu schnell gefahren sind wir nicht. Mit einer filigranen Pantomime-Einlage zeigt uns der Polizist, dass da jetzt was ganz Großes anrollen wird und sperrt die Straße. Wir warten. Der Polizist lehnt sich an sein Auto und zündet sich eine Zigarette an. Das wird wohl dauern. Gut, wir haben ausreichend Zeitpuffer. Erstmal frühstücken. Und siehe da, der Schwertransporter rollt an. Der Polizist hatte mit seinen armkreisenden Bewegungen nicht zu viel versprochen – große Rohre werden angeliefert und passieren die idyllische Landstraße. Wir sind bereit für die Weiterfahrt. Der Polizist offensichtlich nicht, denn er greift nach einer weiteren Zigarette aus seiner Schachtel. Um dem ganzen Voraus zugreifen, unser dickes Zeitpolster schmilzt dahin.

Denn am Morgen sollst du ruh’n

Mit nur 5 Minuten Verspätung erreichen wir die Marina. Die Kroaten sind unglaublich herzlich und gastfreundlich. Doch Pausen sind hier von elementarer Bedeutung. So verkündet uns der Kranmitarbeiter um 10:10 Uhr, dass nun erst mal bis 11 Uhr Pause ist. Kein Problem denken wir. Sortieren wir schon mal die ersten Dinge auf dem Boot. Mein Mann hievt mich mit der Räuberleiter auf unser Boot, welches auf dem Trailer eine ordentliche Höhe hat. Von Unten teilt mir Christian mit, dass er kurz telefoniert. Doch leider vergisst er über den Anruf, dass ich noch auf dem Boot bin. Freudig läuft er durch den Hafen. Tja, so ohne Weiteres komme ich hier alleine nicht runter. Da ich das Boot immer ohne Schuhe betrete, ist es für mich nicht unbedingt die beste Option, barfuß vom Boot in den grob kantigen Schotter zu springen. Daher mache ich es mir hinten auf der Badeplattform bequem. Pünktlich um kurz vor 11 kehrt Christian mit ein paar Mitarbeitern der Marina zurück. Als Gentleman bietet er mir nun erneut die Räuberleiter an und ich lande in seinen Armen. Ein Mann, der einen auch auf Händen tragen kann.

Auch eine Sommerliebe hat manchmal Gewicht…

Die Sache mit der Leine und dem Poller

Die Kran- und Mastaktion verläuft ohne nennenswerte Zwischenfälle. Als wir “Klar Schiff” sind, wollen wir unser Boot vom Kransteg zum Marinasteg fahren. Inzwischen hat sich die Bora zu uns gesellt. Ein Fallwind, der ziemlich ungemütlich werden kann. Vorsorglich drehen wir das Boot ohne Motorleistung und mit zwei Leinen in Richtung Bug. Ich nutze den Moment der Windstille, um mich dem Poller vorne am Steg zu nähern. Dort möchte ich die Leine befestigen. Doch eine Bora ist keine echte Bora, wenn sie nicht in überraschenden Böen die Kunst ihrer ganzen Sturmleistung zeigt. Und so bieten sich meinem Mann und den umliegenden Zuschauern des Hafenkinos ein grandioses Spektakel. Kennen Sie das Bild, wenn jemand mit einem viel zu großen Hund Gassi geht und es eher der Hund ist, der mit seinem Herrchen Gassi geht? Prima. Dann haben sie das Bild von mir, wie ich von unserem Boot über den Steg gezogen werde. Die Leine rinnt mir zwischen den Händen und wird schöne Blasen hinterlassen. Mein einziger Gedanke ist, bloß nicht loszulassen. Im Hintergrund höre ich Christian rufen: “Wickel die Leine um den Poller! Die Leine! Um den Poller! Um den Poller wickeln! Wickel doch! Leine!” Ja, das war mein Plan. Ein Boot braucht die See. Unser Segelboot will mir das mit voller Kraft demonstrieren und zieht mit voller Kraft voraus. Irgendwie gelingt es mir dann Halt zu bekommen und schließlich kann ich mit ein paar Schrammen mehr die Leine um den Poller wickeln.

Die Fahrt in den Marinasteg war dann ein Kinderspiel. Ein paar Boote weiter löst sich das Segel eines großen Segelbootes und rollt sich komplett auf. Offenbar sind wir nicht die einzigen, die an diesem von der Bora heimgesucht werden.

Als ich am Abend mit nassen Haaren in der Kajüte liege (natürlich hat es auf dem Weg vom Restaurant zum Boot noch urplötzlich geregnet), muss ich herzlich lachen. Ich bin angekommen. Nicht nur heute am ersten Tag. Das Leben auf dem Boot muss man mögen. Ich liebe es. Mit all seinen unerwarteten Wendungen und Überraschungen. Ob ich an diesem Tag bereits genug Abenteuer-Karma-Punkte für diese späte Saison gesammelt habe, wird sich zeigen. Vermutlich nicht.

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