Von Gottfried Titzl Rieser, Ausbildungsreferent des Yacht Club Austria und passionierter Fahrtensegler.

Es ist der letzte Tag unseres Segeltörns in Schottland. Wir liegen an der Boje vor Inverie in Loch Nevis. Es ist nebelig trüb, der Wind bläst mit drei Beaufort und wir haben nur mehr neun Seemeilen zu unserem Zielhafen. Also, was tun?

Wir haben ja Zeit, also machen wir ein paar BOB-Manöver. Gesagt – getan! Und damit wir den Fender möglichst realitätsnah herausfischen können, binden wir am unteren Ende einen Festmacher-Bunsch an. Jeder fährt das Manöver: „Boje über Bord“, einer hält Ausschau, der andere wirft die Rettungsboje, der Rudergänger fällt ab und geht durch den Wind, Fock steht back und mit Maschinenunterstützung wird das Boot zur Boje laviert, Fender wird an Bord genommen, fertig. Einer will es noch exakter machen, er will absolut keine Fahrt im Schiff haben und stoppt die Yacht mit einem forschen Motor-Rückwärtsschub auf. 
Prompt nimmt das Malheur seinen Lauf: Der Bunsch wird unters Schiff gezogen, ein Ruck, der Motor stirbt ab und die Leine hat sich um den Propeller gewickelt. Bei 10 °C Wassertempe­ratur hast du keine Chance, das Knäuel in der Schiffsschraube zu entwirren. Also segeln wir zum ­Heimathafen und müssen dort ­unter Segel anlegen.

Zweite Geschichte zum Thema: Im April übernehmen wir in Salivoli unsere Yacht – wir wollen nach Korsika rüber. Bis Elba geht es gut, aber vor Korsika beginnen die Probleme mit dem Motor, er stirbt immer wieder ab. Bald kommen wir der Ursache auf die Spur: Der Diesel ist massiv verunreinigt. Wir putzen die Dieselleitung, wir entlüften, unter Deck machen sich Dieseldüfte frei – und wie es der Teufel will: In der Einfahrt zum Hafen gibt der Motor auf, und wieder heißt das Motto: Anlegen unter Segel … 

Habe ich eine Boje in Aussicht, geht das Anlegemanöver unter Segel sehr komfortabel: Zuerst wird die Genua oder die Fock geborgen, lediglich das Großsegel bleibt stehen. Ich gehe auf Halbwindkurs und schau mir das Umfeld gut an: Wo liegen die anderen Boote, sind Untiefen oder gar Felsen zu beachten, stehen womöglich Fallböen in der Bucht, drückt Schwell oder Tidenstrom das Boot in eine unerwünschte Richtung. Habe ich das alles geklärt, dann gehe ich platt vor den Wind – vielleicht sichere ich das Großsegel mit einem Bullenstander. Ich passiere die Boje im Abstand einer Schiffslänge (als Richtwert) und wenn die auserwählte Boje mit dem Heck passiert wird, lege ich hart Ruder und drehe in den Wind. Durch diesen abrupten Haken wird die Fahrt aus dem Boot genommen und es kommt bei der Boje zum Stillstand, so Gott will! Es empfiehlt sich, dieses Manöver bei der Vorbereitung (siehe oben) auszuprobieren, damit man bei Bedarf den Auslauf der Yacht einschätzen kann. Und noch ein ­Aspekt sei erwähnt: Wenn das Boot stillsteht, ist es manövrierunfähig. Wenn die Boje also nicht gefasst wird, dreht der Bug ab und ich muss das Manöver nochmals fahren.

Anlegen unter Segel: Jeder Handgriff – speziell am Segel und bei den Leinen – muss sitzen.

Das Groß ist Trumpf
Fall Zwei: Zur Vorbereitung habe ich mir im Vorhafen die Gegebenheit angeschaut, das Hafenhandbuch zu Rate gezogen und den ­freien Liegeplatz entdeckt, bei dem ich längsseits anlegen kann. Idealerweise habe ich mir den auflandigen Platz ausgesucht, der Wind erledigt dabei mein Anlegemanöver. Ich muss nur langsam genug sein, aber nicht zu langsam – es muss schon noch Fahrt im Boot sein, sonst bin ich nicht manövrierfähig und der Bug hängt dann irgendwo in den Relingsstützen oder Muringleinen der Nachbarboote. Auch hier gilt: Fahre nur mit dem Großsegel, die Fock verlagert den Hebelpunkt der Drehwirkung zu weit nach vorne. Die Geschwindigkeit nehme ich aus dem Boot, indem ich das Großsegel fiere, werde ich zu langsam, muss ich es wieder dicht holen. Das erfordert volle Konzentration, man hat meist keine zweite Chance. Es empfiehlt sich auch hier, die Crew ausführlich zu instruieren. Jeder Handgriff (speziell am Segel und bei den Leinen) muss sitzen. 

Der Grundsatz bei diesen Manövern ist Geduld, Geduld und nochmals Geduld. Es darf nicht stressig werden, Zeitdruck ist eine Quelle für Pannen.  Wenn man den Druck herausnimmt, wird auch die Crew ruhiger und überlegter. Lieber im freien Seeraum noch eine Runde unter Segel drehen, als unvorbe­reitet in ein Schlamassel geraten.
Abschließend ein Tipp für alle Skipper: Probieren Sie das doch ­einmal mit Ihrer Crew aus!

Fotos: Shutterstock

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