Heading la Biennale di Venezia

Die Biennale ist immer ein guter Grund, nach Venedig zu segeln. Der „Königin der Meere“, wie die Stadt einst genannt wurde, sollte man sich von der Seeseite zu nähern. Dafür wurde sie gebaut. Mit Bahn, Auto oder Flugzeug erreicht man nur ihren Hinterhof. Und egal ob von Küsten Italiens, Sloweniens oder Kroatiens: Venedig liegt in Reichweite, etwa von Biograd oder Zadar aus in drei Segeltagen, von Istrien aus in einem Tag – oder einer Nacht. Mein Boot liegt jetzt in der Marina Sant’Elena, nur 10 Gehminuten von den Giardini mit den Biennalepavillons; in 25 Minuten erreicht man über die Riva Schiavoni den Markusplatz – ohne ein Vaporetto zu benötigen. Schon seit Jahrzehnten besuche ich jede Kunstbiennale in Venedig, so auch heuer. Einige meiner Tweets zur diesjährigen Biennale habe ich für Ocean7 zusammengefasst:

Unterwegs zur Küste mit dem Frühzug von Wien. Mal sehen, ob das Boot noch am Kai von Sant’Elena liegt so wie ich es im Oktober verlassen habe. Von Mittwoch bis Freitag sind Preview-Days der Biennale, Samstag ist die offizielle Eröffnung. Offizielles Motto: „May you live in interesting times“. Wie immer wartet ein Rausch an Bildern und Ideen. Im Cafè Hawelka bin ich natürlich ordnungsgemäß
abgemeldet.

15h, Marina Sant’Elena, Venezia:
Boot schwimmt noch.
Mast steht noch.
Motor läuft noch.
Und im Kühlschrank Bier noch.

Seit es auch die Architekturbiennale gibt, hätte man jedes Jahr einen Grund, nach Venedig zu segeln: Kunst & Architektur in jährlicher Abwechslung. Augenfälliger Unterschied: Unter Oligarchen ist es der Brauch pünktlich zu den Preview-Days der Biennale – und zwar nur der Kunstbiennale – mit ihren neuesten Yachten an der Riva degli Schiavoni anzulegen, wo auf dem Weg zu den Giardini das ganze Kunst- und Medienvolk Europas an ihnen vorbei muss. Pierrre Bourdieu hätte seine Freude an dieser endgültigen Bestätigung seiner Theorie des „kulturellen Kapitals“.

Erster Eröffnungstag und der Pavillon Venezuelas ist geschlossen. Klar. Wenn der Staat am Ende ist, ist auch die Kunst am Ende. Oder wieder am Anfang? Im Katalog ist ein Beitrag Venezuelas noch angekündigt; dieser verrottete Staat schafft es nicht einmal abzusagen. Anstellen? Meine Strategie ist ganz einfach: Am ersten Tag ignoriere ich alle Pavillons bei denen man sich anstellen muss, am zweiten Tag ebenso und wenn am 3. Tag noch immer wo eine Warteschlange im Weg steht, schau ich im Katalog nach, ob ich hier wirklich was versäumt habe. Jede Ausstellung kann man mit einfachen Tricks so gestalten, dass die Leute sich anstellen müssen und ihr damit den Anschein von Bedeutung geben.

Das Schiffswrack im Arsenale, unter dem alten Dampfkran ist die „Barca Nostra“, Länge 22 Meter, 50 Tonnen, 2015 vor der libyschen Küste gesunken mit 700 Flüchtlingen an Bord. Man hat es aus 300 Metern Tiefe geborgen um die Identität der Toten bestimmen zu können. Der schweizer Künstler Christoph Büchel hat das Schiff nach Venedig transportieren lassen und hier als Objekt ausgestellt. Italiens Innenminister Salvini tobt: Das sei eine politische Provokation und habe mit Kunst nichts zu tun. Ich finde, das Schiff sollte nach der Biennale vor Salvinis Ministerium ausgestellt werden; auf Dauer.
Dazu die erste Strophe des Badesommer-Blues aus meinem Faust („Doktor Faustus in London. Banker, Oligarch, Wien 2017, bei Löcker):
„Wie gut, dass die Brandung
Knochen zermahlt zu Sand
die Strände der Meere
sähen aus wie Friedhöfe
seit Jahrtausenden“

Der Deutsche Pavillon hat immer Gewicht und schon mehrmals den Goldenen Löwen gewonnen. Um die Künstlerin Natascha Sadr Haghighian, alias Natascha Süder-Happelmann haben die Medien viel Aufhebens gemacht; positiv sehe ich daran nur, dass die Deutschen es gewagt haben, eine Künstlerin mit persischem Nachnahmen zu nominieren, geboren in Teheran – oder war es doch Gießen? Stelle mir das Theater vor das man bei uns aufgeführt hätte, würde Österreich eine persische Künstlerin nominieren.
Sie ist anerkannte Professorin an einer Kunstuniversität, doch, nach Besichtigung des Pavillons: Der Funken des Genius findet sich manchmal in Barbaren und nicht in wissenden Professorinnen. Den Goldenen Löwen wird heuer ein anderes Land gewinnen.
Russland tritt hier immer ernsthaft auf, bemüht und sympathisch, als europäische Kulturnation. Auch diesmal: Installationen gewidmet klassischen Werken aus der Sammlung der Eremitage, St. Petersburg, insbesondere Rembrandt. Klassische Kunst wirkt immer stark, selbst wenn sie nur zitiert wird.

Den Hoffman-Pavillon Österreichs (Bild oben) bespielt diesmal Renate Bertlmann; erstmals nominierte Österreich eine Frau allein. Ihre Ausstellung ist perfekt und kühl, sie hat den Hoffmann-Pavillon verändert, aber nicht prätentiös und mit anmaßender Geste, wie vor ihr etliche ihrer Kollegen sondern auf so elegante wie effiziente Weise: im Inneren dient er ihren Objekten als white cube, ohne seine sonst so starke Präsenz spüren zu lassen. Eindrucksvoll und subversiv ihr Feld roter Blüten aus denen Messer ragen: War of Roses, Messer-Rosen. Ihr vor langer Zeit erfundenes Wort: „Amo ergo sum“ ebenso wie ihre für Venedig gefundene Abwandlung „Discordo Ergo Sum“ habe ich für mich adaptiert: „Ergo sum“ – weder amo noch discordo sind dazu nötig. Zur Eröffnung ist natürlich die ganze Wiener Szene angereist. Soviel zur diesjährigen Biennale, die noch bis zuzm 24. November läuft. Arrivederci Venezia, alla prossimo anno!

La Biennale di Venezia

Text und Fotos: Alfred Zellinger

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