Je älter der Barsch wurde, umso weiter weg erschien ihm die wärmende Lagune. Doch auf die Sonne verzichten konnte er nicht.

Auch Fische wie dieser Zackenbarsch suchen das Licht.

Jeden Tag nahm sich der alte Barsch, der in einer Höhle im Riff wohnte, vor, dass er morgen wieder einmal durch den Riffpass in die Lagune schwimmen würde, um seine Freunde, die Korallenfische, und ihre Kinder zu besuchen. Und wusste dennoch, dass er morgen wieder nicht die Kraft finden, würde, um aus seiner Höhle zu schwimmen, den Aufstieg zum Pass zu bewältigen und sich gegen die Strömung in die Lagune zu bewegen. 
Er konnte sich noch gut an die Zeiten erinnern, wo das alles mit Leichtigkeit und Freude passierte. Er liebte es, seine Erfahrung an die jungen Korallenfische und die anderen Riffbewohner weiterzu­geben, ihnen beim Spielen zuzu­sehen, ihren Abenteuern zu lauschen und ihnen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. 
Ganz besonders liebte er es aber, die warmen Strahlen der Tropensonne auf seinem Rücken in der seichten Lagune zu spüren, und wenn er übermütig war, durchbrach er sogar mit der großen Rückenflosse die Wasseroberfläche und hatte Spaß daran, wie die Menschenkinder am Strand erschraken, weil sie ihn im ersten Moment für einen Hai hielten.
Er würde so gerne wieder diese besonderen Tage erleben, doch der Weg dorthin erschien ihm unendlich weit und die Lagunenfische konnten nicht zu ihm in diese ­große Tiefe schwimmen. 

So ver­gingen die Tage und Wochen, nur unterbrochen vom Maschinen­geräusch des Versorgungsschiffes, das jede Woche den Menschen auf der Insel Waren aller Art brachte.

Wo die Sonne scheint
Doch eines Tages vernahm er ein ihm fremdes Geräusch. Vorsichtig näherte er sich dem Ausgang seiner Höhle. Ein großes Fischerboot mit einem riesigen Fangnetz umkreiste das Riff. Er erkannte sofort, welche Gefahr das bedeutete, und hatte die Fischkinder immer davor gewarnt. Trotzdem beobachtete er fasziniert, wie das mit Fischen gefüllte Netz an die Oberfläche, dort wo die Sonne schien, gezogen wurde, sich entleerte und abermals ins Wasser eintauchte. 
Als das Netz ganz nahe seiner Höhle vorbeischwebte, fasste er ­einen plötzlichen Entschluss. Mit einem kräftigen Schlag seiner riesigen Schwanzflosse schoss er ohne einen Blick zurück aus seiner Höhle direkt in das Netz hinein. Schon wurde er hochgezogen und zappelte wenige Augenblicke später auf dem Deck des Fischkutters. Er ­bemerkte, dass er keine Luft mehr ­bekam, und doch war er glücklich, die Sonnenstrahlen auf seinem ganzen Körper zu spüren.

Die Fischer fanden es schade, diesen ganz besonderen Fisch, der ihnen überraschend in den Schoß gefallen war, mit den anderen zu verkaufen. So ließen sie ihn prä­parieren und stellten ihn in der ­Hafenkneipe zur Schau. Seitdem der Barsch aus dem Riff dort ausgestellt ist, wundert sich so mancher Gast, der ihn betrachtet, wie ein so großer, kluger und erfahrener Fisch den Fischern ins Netz gehen konnte.

Thomas Pernsteiner ist Skipper, allgemein beeideter und gerichtlich zertifizierter Sachverständiger für Schifffahrt und Wasserfahrzeuge.

Fotos: Shutterstock, privat

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