Der Mond und das Meer

Der Mond war heuer in zahlreichen TV-Dokumentationen und in Printmedien prominent vertreten. Anlass war, dass sich die erste Mondlandung von Menschen zum 50. Mal jährte. Die Worte von Neil Armstrong bei seinem ersten Schritt auf die Mondoberfläche „That‘s one small step for man … one giant leap for mankind“ wurden legendär. Legendär sind auch die vielfachen Beziehungen zum Mond, die von der Menschheit im Lauf ihrer ­Geschichte entwickelt wurden. Neben
religiösen, mystischen und esoterischen Vorstellungen über unseren Erdtrabanten diente er den frühen See­­fahrern als Leitgestirn – und er ist ein wichtiger Zeitgeber für Meeresorganismen. Sein deutlichster Einfluss auf das Meer sind die Gezeiten.

Die stärksten Gezeiten, die Springtiden, treten bei Voll- und Neumond auf. Die schwächsten Gezeiten, die Nipptiden, ergeben sich während der Quadratur im ersten und letzten Viertel, wenn die Kräfte von Sonne und Mond rechtwinkelig zueinander wirken. Die Spring- und Nipptiden treten mit ein bis zwei Tagen Verspätung nach den entsprechenden Mondphasen auf. Zur komplizierten Kräfteverteilung durch die astronomischen Tiden kommen noch Seichtwassertiden durch die Boden­­topographie und jahres­zeitliche meteorologische ­Tiden.

Die Konstellationen zwischen Erde, Mond und Sonne und die entsprechenden Gezeiten grafisch dargestellt.

 

Gefährliche Irrtümer

Der Mond leitete Seeleute seit Jahrtausenden, manchmal führte er sie jedoch in die Irre. Die Navigation nach dem Mond ist kompliziert, weil die geografische Länge auf diese Weise nur ungenau ermittelt werden kann.

Mit Hilfe des Jakobsstabes und der Peilung mit dem Auge auf Horizont und Himmelskörper konnte der Breitengrad, auf dem sich das Schiff befand, ermittelt werden.

 

Der Jakobsstab, ein frühes astronomisches Instrument zur Winkelmessung und zur indirekten Streckenmessung, war lange Zeit das einzige Mittel, mit dem Seefahrer Himmelskörper anpeilen und so zumindestens den Breitengrad feststellen konnten. Ohne genaue Kenntnis des Längengrades sind jedoch fatale Irrtümer möglich – Kolumbus hätte z. B. rasch erkennen können, dass er nicht in Indien gelandet war und auch die Irrfahrten des Odysseus sind neben anderen Gründen wohl auch Navigationsproblemen geschuldet.

 

Zeitgeber für Meerestiere

Schon in der Antike war bekannt, dass sich einige Meerestiere für die Fortpflanzung nach den Mondphasen richten. Heute weiß man, dass für Organismen unterschiedlicher taxonomischer Gruppen die Mondphasen für ihre Reproduktion ausschlaggebend sind.

Das bekannteste Beispiel sind die Laichschwärme des Palolowurms, Palola viridis. Dieser bis knapp einen halben Meter lange Ringelwurm kommt in den Korallenriffen südpazifischer Inseln vor. Er ist bodenlebend und verwandelt zu bestimmten Zeiten sein Hinterende in einen mit Eiern oder Samen gefüllten Körperabschnitt. Dieser Teil des Körpers löst sich ab und steigt in bestimmten Mondphasen zur Wasseroberfläche auf, wo Samen und Eier entlassen werden.

Der Palolowurm ist für seine spezielle Reproduktion bekannt, die sich nach Lunarzyklen richtet. Der hintere Körperabschnitt, die epitoke Region, trennt sich vom vorderen Abschnitt des Palolowurms. Diese epitoke Region ist mit ­Geschlechtszellen gefüllt und steigt zur Wasseroberfläche auf. Dort werden von den getrennt geschlechtlichen Würmern Eier und Samen in das Wasser abgegeben.
Auch das Massenlaichen vieler Steinkorallen (Foto rechts) ist an Mondphasen gekoppelt. Eier und Samen werden in rauen Mengen abgegeben, sammeln sich an der Wasseroberfläche und färben das nächtliche Meer rot. ­Diese Rotfärbung ist nicht mit den „Red Tides“ zu verwechseln, die von giftigen Algen verursacht werden.

Die lunare Rhythmik vieler ­Meeresorganismen ist stammes­geschichtlich sehr alt, da sie bei ­unterschiedlichen Meerestieren ausgeprägt ist. Wahrscheinlich ­wissen wir erst sehr wenig über die Bedeutung des Mondlichts für die Unterwasserwelt. An Land hat sich der Begriff der nächtlichen „Lichtverschmutzung“ des Sternenhimmels durch künstliche Lichtquellen etabliert. Welchen Einfluss haben wohl die Verbauung und Beleuchtung entlang vieler Küsten auf Meerestiere, deren Zeitgeber das Mondlicht ist?

Bei dieser Fülle an künstlicher Beleuchtung hat das natürliche Mondlicht seine Zeitgeberfunktion eingebüßt.

Der Mond und das Meer – den ganzen Bericht unseres Meeresbiologen Dr. Reinhard Kikinger lesen Sie in der ocean7-Ausgabe 6/2019 – Print-Ausgabe noch bis 24. Dezember im Abo, im ausgesuchten Einzelhandel und auf Bestellung in jeder Trafik erhältlich, das E-Paper gibt’s für alle Geräte.

Dr. Reinhard Kikinger ist Meeresbiologe und Lektor an der Universität Wien. Er leitete jahrelang das Öko-Zentrum auf Kuramathi zur Erforschung und Schutz des Ökosystems der Malediven und berichtet für ocean7 seit 2008 publikumsnah, aber wissenschaftlich fundiert und mit faszinierenden Fotos regelmäßig über die Welt unter und über Wasser.

 

 

 

 

Fotos: Shutterstock, Gernot Weiler

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