Lästiges Übel oder Quelle der Moral an Bord?

Von Gottfried Titzl Rieser, Ausbildungsreferent des Yacht Club Austria und passionierter Fahrtensegler.

Jack London ging mit seiner Segelyacht Snark auf große Fahrt, er heuerte Martin ­Elmer Johnsom als Schiffskoch an. Johnson gelangte als Abenteurer zu großer Berühmtheit, zum Leidwesen der Crew konnte er allerdings nicht kochen – das Projekt „Weltumsegelung“ wurde nach zwei ­Jahren jedenfalls abgebrochen.

Und noch eine kleine Geschichte: Mein Freund Herbert verließ mit 18 Jahren seine Heimat und heuerte in Hamburg auf einem Überseefrachter als Bäcker an. Als nach drei Tagen auf hoher See der Smutje krank wurde, musste Herbert die Pantry übernehmen. Nach zwei ­Tagen ließ der Kapitän ihn zu sich kommen und teilte ihm trocken mit, dass er über Bord gehen würde, sollte noch einmal so einen „Eintopf“ auf den Tisch kommen. Den Schilderungen Herberts nach hat niemand in der Weltgeschichte so schnell kochen gelernt.

Seit Urgedenken in der Seefahrt hängt die glückliche Ankunft nach einem Segeltörn auch von der entsprechenden Verpflegung an Bord ab. Seinerzeit war der Smutje nach dem Kapitän die wichtigste Person an Bord – ich denke, das hat sich bis heute nicht geändert. Es ist tausendfach belegt: Für die Moral an Bord hat der Smutje besondere Verantwortung. Noch immer hängt eine Meuterei in der Luft, wenn schlecht gekocht oder zu wenig gebunkert wurde, sogar die Wahl des falschen Restaurants kann fatale Folgen haben. Daher empfiehlt sich in der Vorbereitung eines Törns eine vorausschauende Planung in Sachen Backschaft, denn gutes Essen hebt die Stimmung.

So wohltuend wie der Ausklang eines perfekten -Segeltages sollte auch das Abendessen sein.

Auch wenn sich Skipper und Crew einig sind, dass an Bord nicht gekocht wird, weil eh so viele Ta­vernen auf dem Weg liegen, sollten ­aufgrund guter Seemannschaft die Zutaten für mindestens zwei warme Mahlzeiten an Bord sein. Es kann ja tatsächlich vorkommen, dass das Wetter umschlägt oder ein technisches Gebrechen ein Anlanden verhindert und schon muss man ein paar Tage auf See verbringen. Dann wird schnell klar, dass Frühstücksbrötchen nicht ausreichen und in ­einem Kühlschrank nicht nur Getränke gelagert werden sollten.
Mit wenigen Zutaten kann man auch mit einem 2-Flammen-Kocher an Bord leckere Menüs kochen. Ich bereitete einmal als Hauptspeise faschierte Laibchen mit Erdäpfelpüree zu. Eine junge Dame war bass erstaunt, dass man das Püree selbst machen konnte und keine Fertig­mischung dazu brauchte. Perfekte Rezepte für die Pantry gibt es übrigens reichlich im Internet. Ich darf an dieser Stelle ein paar kleine Kochideen frei nach Mike Hecker anführen:

Gefülltes Ei
Hartgekochte Eier halbieren, Eigelb herausnehmen und mit der Gabel zerdrücken. Mit Senf, gehackten Kapern, Crème fraîche, Salz und Pfeffer vermischen. Masse in die ­Eihälften füllen und mit rotem und schwarzem Kaviar garnieren. 

Zuppa die Pesce 
1 Zwiebel hacken, 2 Karotten schälen und raspeln, 1 Stange Sellerie und eine ½ Stange Porree in Scheiben schneiden, in Olivenöl anbraten. Mit ½ l Weißwein und 1 l klarer Suppe aufgießen, 6 Minuten köcheln. ½ kg Fischfilet würfelig schneiden und hinzufügen. 5 Knoblauchzehen fein schneiden und zugeben. Mit Salz und Pfeffer abschmecken und mit Deckel 10 Minuten ziehen lassen.

Cabanossi-Brunch-Suppe
5 Cabanossi in Scheiben schneiden und in Olivenöl anbraten. 1 Zwiebel hacken und leicht andünsten. Mit Mehl bestäuben, unter Rühren mit ¾ l Suppe aufgießen und kurz auf­kochen. ½ kg kleinwürfelige Kar­­toffeln, eine Paprika und 5 Karotten in Scheiben zufügen. Nach ca. 6 Minuten 1 Stange Lauch in Streifen hinzu­fügen. Nach weiteren 6 Minuten einen Becher Frischkäse Paprika-Peperoni (Philadelphia, Brunch o. ä.) unterrühren, mit Salz und Pfeffer abschmecken.

Abschließen möchte ich meine Ausführungen diesmal mit einem Bild: Die Sonne versinkt wie ein Feuerball im Meer, die Wellen plätschern sanft gegen die Bordwand, jeder lässt in Gedanken den wunderbaren Segeltag auf See Revue ­passieren – und dann gibt es lauwarme Ravioli aus der Dose …

Fotos: Shutterstock, privat

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