Skipper’s Diaries von Thomas Pernsteiner

Oder warum der vorsichtige Einsiedlerkrebs und die forsche Anemone ziemlich beste Freunde geworden sind.

Die Sonne ging auf und so wie jeden Tag wiegten die auf den Felsen sitzenden Seeanemonen ihre Tentakelarme im Gleichtakt mit der Meeresströmung.
„Mein Gott, ist das langweilig“, seufzte Sophie. „Was meinst du?“, fragte ihre Nachbarin. „Jeden Tag dasselbe. Wir hocken hier auf unserem Platz und vor uns bewegen sich die Fische, Seesterne und alle anderen Tiere. Nur wir sitzen hier fest. Ich möchte auch etwas anderes er­leben und sehen“, gab Sophie zur Antwort.

Ein lautes Keuchen unterbrach ihre Unterhaltung. Ein kleiner Einsiedlerkrebs flüchtete vor einem blauen Drückerfisch und kuschelte sich ganz eng an Sophie und ihre Nachbarin. Der große Raubfisch blieb vor den Seeanemonen stehen und versuchte, nach dem Krebs zu schnappen. Doch jedes Mal kam er den Tentakelarmen zu nahe und die Nesselkapseln von Sophie bohrten sich schmerzhaft in seine Nase. Nach einigen Versuchen gab der Fisch auf und suchte nach einer leichteren Beute.
„Puh, gerade noch Glück gehabt. Mit letzter Kraft habe ich es noch rechtzeitig zu euch geschafft. Herbert mein Name, und vielen Dank auch!“ Der Einsiedlerkrebs Herbert verließ die Deckung der Anemonen.
„Moment, warte kurz. Ist dir nicht aufgefallen, dass der große Fisch vor mir und meinen Waffen Reißaus genommen hat und dir die Nesselkapseln gar nichts anhaben konnten?“, rief Sophie dem mit seinem Schneckenhaus davoneilenden Herbert nach.
„Du hast recht. Aber ich muss mir meine Nahrung im ganzen Riff suchen und mich daher bewegen. Ich kann nicht einfach nur hier bei dir bleiben“, gab Herbert zur Antwort.

Sophie überlegte kurz und winkte Herbert zu sich, um ihm etwas ins Ohr zu flüstern.
„Ob ich auf diesem Felsen sitze oder auf deinem Schneckenhaus, ist für mich fast dasselbe. Daher könntest du mich doch auf deinem Rücken mit dir tragen. Ich gebe dir Schutz vor deinen Feinden und dafür gibst du mir manchmal ein kleines Stück von deiner Beute ab“, sprach Sophie, selbst von ihrer Idee überrascht.

Dem Krebs gefiel dieser Vorschlag, er zwinkerte Sophie mit ­seinen listigen Augen zu, hob sie mit seinen Scheren ganz vorsichtig von ihrem Felsen und setzte die Seeanemone langsam auf seinem Schneckenhaus ab.
„Du bist leichter, als ich mir ­gedacht habe“, sagte Herbert und setze sich mit der vor Freude fast platzenden Sophie in Bewegung.

Win-Win mit Vorbildwirkung
Die anderen Seeanemonen fielen vor Erstaunen fast von ihren Plätzen, als sie den Einsiedlerkrebs
mit ihrer Artgenossin an ihnen ­vorbeischwanken sahen.
„Wenn das nur gut geht“ oder „So ein verrücktes Huhn“, konnte man vom Felsen her hören.

Ein paar Tage später besuchten Sophie und Herbert den angestammten Platz von Sophie. Beide sahen blendend aus und Sophie wurde von den Seeanemonen ­bestürmt, doch zu erzählen, wie es ihr da draußen ergangen war.
„Es ist genau so, wie ich es mir vorgestellt hatte“, plauderte Sophie. „Ihr könnt euch ja gar nicht aus­malen, wie viel ich erlebt und ­gesehen habe in den letzten Tagen. Herbert hat mir fast das ganze Riff gezeigt und ich konnte ihn auch ein paarmal ­beschützen, ach, es ist wundervoll!“
Da begannen die anderen See­anemonen auch über so ein neues Leben nachzudenken und bestürmten Herbert, doch die anderen Einsiedlerkrebse zu fragen, ob sie nicht auch Lust auf Schutzbegleitung im Riff hätten. Da klapperte Herbert mit seinen Scheren und auf einmal bogen alle seine Freunde um eine Felsecke. Jeder setzte sich eine Seeanemone auf den Rücken und spazierte mit ihr davon.

Wenn du einmal einen Einsiedler­krebs ohne Begleitung finden solltest, erzähl ihm doch die Geschichte von Sophie und Herbert – er wird sich sicher sofort auch eine Gefährtin suchen.

Thomas Pernsteiner ist Skipper, allgemein beeideter und gerichtlich zertifizierter Sachverständiger für Schifffahrt und Wasserfahrzeuge.

Fotos: Shutterstock, privat

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