Durchwachsene Bilanz | ocean7

Nach dem Nichterreichen der gesetzten Ziele bei den Olympischen Spielen in Tokio zieht Sportdirektor Matthias Schmid eine erste Bilanz. Sein Fokus und auch jener vom Österreichischen Segel-Verband liegen aber bereits auf der laufenden Kampagne Paris 2024.

Vor 14 Tagen beschlossen Benjamin Bildstein und David Hussl mit einem fünften Rang im Medal-Race ihre Olympia-Regatta in der 49er-Klasse. Mit Rang zehn im Gesamtklassement sorgten die Vizeeuropameister von 2020 für das beste Resultat bei den Titelkämpfen in Tokio. Die weiteren Duos des Österreichischen Segel-Verbandes Thomas Zajac/Barbara Matz (Nacra17) und Tanja Frank/Lorena Abicht (49erFX) verpassten die Teilnahme am finalen Rennen der besten zehn Boote und kamen über die Plätze elf und 17 nicht hinaus. Sportdirektor Matthias Schmid räumt ein, dass die Erwartungen durchaus höher waren. Dennoch stuft er die Ergebnisse als „gute Leistungen“ ein, obwohl das Ziel „in zumindest einer Klasse im Medal-Race noch eine Chance auf eine Medaille zu haben“ verfehlt wurde. „Für österreichische Seglerinnen und Segler, die an Seen aufwachsen, ist es bereits eine unglaubliche Leistung, sich für Olympische Spiele zu qualifizieren. Jeder der an diesem Niveau ankommt, kann stolz darauf sein – und hat bewiesen, dass mit viel Disziplin und großem persönlichen Aufwand dieses Ziel erreicht werden kann.“

Der Sportdirektor macht das durchwachsene Abschneiden nach einem ersten Analyseschritt an zwei Punkten fest: „Uns haben Großveranstaltungen und damit der direkte Vergleich gefehlt und auch die nötige Vorbereitungszeit im Olympia-Revier. Diese Faktoren waren zwar für alle Teams gleich – aber uns dürften diese Defizite mehr getroffen haben.“ COVID-19-bedingt war seit der Weltmeisterschaft vor Geelong, Australien im Februar 2020 bis zum Beginn der Olympischen Spiele kaum Regatten angesetzt. „Für uns ist es ganz wichtig regelmäßig bei quantitativ und qualitativ top-besetzten Wettfahrten zu starten, um diese Drucksituationen kennenzulernen. Wir brauchen diese Erfahrungen, das Starten in großen, dichten Feldern und das Entscheiden an Lee-Bojen gegen viele Konkurrenten. Andere Nationen finden, ob der Kadertiefe, solche Situationen bereits im Nachwuchs vor – und haben dadurch einen Vorteil“, setzt der Sportdirektor fort.

Sportdirektor Matthais Schmid zieht eine erste, schon umfangreiche Bilanz des Abschneidens seines Teams bei den Olympischen Spielen in Tokyo. (Foto: OeSV)

Kaum Vorbereitung im Olympia-Revier als Nachteil
Im September 2019 konnte das rot-weiß-rote Team letztmals intensiv im Olympia-Revier vor Enoshima trainieren. Unmittelbar vor Beginn der Spiele erhielten die drei OeSV-Teams noch magere acht bis neun Trainingstage am Wasser. „Dass wir in der Vergangenheit bei Titelkämpfen immer ‚mitgespielt‘ haben, lag speziell an einer langen und intensiven Vorbereitung im Revier. Seit mehreren Olympiaden verbringen wir mehr Zeit vor Ort als viele andere Nationen. Den Nachteil auf Seen und nicht auf Meeren aufzuwachsen, versuchen wir dadurch eben auszugleichen. Das machen wir bei Weltmeisterschaften genauso. Diesmal war es ein größeres Manko als erhofft“, so der Wiener.

Individuelle Gründe, um nicht ganz vorne mitzusegeln
„Es gibt nicht den pauschalen Grund für das Abschneiden bei Olympia“, hält der Sportdirektor fest. Auch wenn „alle drei Klassen eine solide Bootsgeschwindigkeit erreicht haben”, die bessere Resultate ermöglicht hätte, seien individuelle Probleme ausschlaggebend gewesen.

Benjamin Bildstein und David Hussl zogen als einziges österreichisches Boot in das Medal-Race ein, blieben aber dennoch unter den Erwartungen. „Ihnen ist es nicht gelungen, die notwendige Startperformance zu zeigen“, weiß Schmid.

Bei Thomas Zajac und Barbara Matz, die Nacra-17-Paarung schaffte es als einziges rot-weiß-rotes Boot einen Podestplatz bei einer Olympia-Wettfahrt einzufahren, habe es „zu viele Situationen gegeben, in denen taktische Entscheidungen nicht aufgingen“. „Bootshandling und Geschwindigkeit“ seien in Ordnung gewesen, sie hatten aber kein „Speed-Plus“.

Ähnliche Defizite erkennt Schmid, der selbst drei Mal an Olympischen Spielen teilnahm, bei Tanja Frank und Lorena Abicht: „Die beiden haben im letzten Jahr einen großen Sprung gemacht, sich zu ‚Allrounderinnen‘ entwickelt. In Enoshima ist es ihnen aber nicht gelungen, den Wind richtig einzuschätzen und die richtigen Seiten zu wählen.“

In einigen Wochen ist ein umfassendes Debriefing aller Teams angesetzt. Über mehrere Tage werde man mit jedem Team und mit jeder Person Details ausarbeiten, warum das mögliche Leistungspotential nicht voll ausgeschöpft werden konnte. Daraus werde der Verband und auch die AthletInnen für die kommende Kampagne Lehren ziehen. „Misserfolge sind dann akzeptabel, wenn wir daraus lernen“, betont Schmid die Wichtigkeit des gemeinsamen Austausches.

Titelfoto: World Sailing / Sailing Energy

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