Hafenkino – spannende Vorführungen zum Nulltarif | ocean7

Heute berichte ich vom Hafenkino, eine schier unerschöpfliche Quelle dieser Kolumne. Diesmal befinden wir uns in der komfortablen Situation des Zuschauers, einen Aperol-Spritz in der Hand, erste Reihe fußfrei und lassen die Tragödien vor uns ablaufen. 

Von Gottfried Titzl Rieser

Schon nähert sich der Held der Stätte des Grauens, nämlich einer wunderschönen Hafenmole irgendwo im Mittelmeer. Forsch fährt er die Yacht in das geräumige Hafenbecken. Die meisten Boote liegen vor Muring, mit dem Heck zur Mole, also klassisch römisch-katholisch.
An Bord ist einige Hektik zu beobachten, der Skipper lässt noch schnell Heckleinen anschlagen, zwei Burschen laufen mit Fendern hin und her. Nun stoppt er vor der Lücke, in der er gedenkt, seine Yacht festzumachen. Retourschub und – oje, das Heck setzt nach Backbord, obwohl er über Steuerbord den Liegeplatz erreichen will. Der Skipper gibt Vollgas retour – er will die Kurve schaffen. Das geht sich aber nicht aus, das Publikum hat seinen ersten Höhepunkt: Der Skipper bricht das Manöver ab und dreht eine Ehrenrunde im Hafen.

Zweiter Anlauf: Wieder fährt er parallel zur Mole, diesmal stoppt er nicht unmittelbar vor der Lücke, sondern geht ein paar Bootslängen weiter vorne in die Rückwärtsfahrt. Nun kommt der Wind ins Spiel: Eine auflandige Böe erwischt die Yacht, der Bug wandert aus, der Skipper gibt Vollgas retour, will die Kurve doch noch schaffen. Klappt nicht, er bringt den Bug nicht durch den Wind, das Publikum hat seinen zweiten Höhepunkt. 

Mittlerweile füllen sich die Stehplätze im Kino. Der Skipper dreht ab, mit hochrotem Kopf (wahrscheinlich von der Sonne und am liebsten würde er sich in die unterste Ecke seiner Yacht verkriechen …). Nun dreht er nochmals eine Runde im Hafen, instruiert seine Crew, und diesmal probiert er es über die Backbordseite. Mittlerweile kennt er ja den Radeffekt bei einer rechtsgängigen Schraube und auch der Wind ist ihm jetzt nicht mehr wurscht. Dritter Anlauf: Wieder stellt sich der Skipper parallel zur Mole, diesmal bereits unter Beifall des Publikums (ich glaube, es gibt nichts Grausameres auf der Welt …). Nun schaut sein Bug um 180 Grad in die entgegengesetzte Richtung. Der Radeffekt setzt im Rückwärtsschub das Heck nach Backbord, der auflandige Wind setzt den Bug ebenfalls nach Backbord – doch da sind die gespannten Muringleinen. Bitte, werte Leserschaft, ersparen Sie mir den vierten Anlauf dieses Manövers.

Ein erfahrener Skipper ist bei guter Vorbereitung der Star im Hafenkino, andere bekommen Lampenfieber – zum Gaudium des Publikums.

Was ist da nur schief­­gelaufen, Was hat der Skipper nicht beachtet?
Nun, sein erster Fehler passierte bereits lange vor Beginn dieser Geschichte: Der Skipper muss ja bereits zu Beginn eines jeden Törns den Radeffekt checken und nicht erst beim Anlegemanöver draufkommen, ob er mit einer rechts- oder linksgängigen Schraube unterwegs ist.

Bevor der Skipper sein Anlegemanöver beginnt, muss er den Hafen und allfällige Liegeplätze begutachten, er entscheidet sich für den für ihn günstigsten.

Der Skipper instruiert die Crew, er verteilt die Aufgaben, jeder an Bord kennt seinen Job, er klariert das Boot, die Leinen, die Fender, die Bootshaken, dann ist alles bereit für den Landfall.

Ja, und jetzt wird das Boot im Vorhafen mit dem Heck zum Wind gestellt – und aus dieser Position heraus beginnen wir die Anfahrt zum Liegeplatz, ganz ohne Hektik und ohne Geschrei, einfach seemännisch richtig.

Gottfried Titzl Rieser ist Ausbildungsreferent des Yacht Club Austria. Er ist passionierter Fahrtensegler und hat insgesamt so um die 20.000 Seemeilen in seinen Logbüchern dokumentiert. Sein Motto: „Die See ist der beste Lehrmeister!

Fotos: Shutterstock, privat

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