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Skipper’s Diaries von Thomas Pernsteiner

Eigentlich sollte man doch annehmen, dass Menschen, die ihren Urlaub oder ihre Freizeit auf einem Schiff verbringen, einen sorgsamen Umgang mit der Natur und der Umwelt pflegen. Dass dem nicht so ist, musste ich leider schon des Öfteren erleben und erlebe es noch immer. Mir ist schon klar, dass wir uns trotz aller Aktualität dieses Themas nicht von heute auf morgen in die 150 %-Ökoapostel ver­­wandeln werden, aber ein bisschen mehr Hirn könnte wie in so
vielen anderen Bereichen auch nicht schaden. Beispiele gefällig?

Ende der 1980er-Jahre, Sveti Klement, damals noch Ju­goslawien, in der „Dagmar-Bucht“. Meine heutige Frau und ich fuhren mit dem Beiboot an Land der damals noch praktisch unbewohnten Insel, um ein paar Küchenkräuter zu besorgen. Auf dem Rückweg bemerken wir, wie von einem zweiten Ankerlieger ebenfalls ein Schlauchboot seinen Weg zum Ufer sucht. Dort angekommen, werden zwei prall gefüllte Müllsäcke am Strand abgeladen und sofort wieder der Rückweg angetreten. Die Gesichter der Crew kann ich bis heute nicht vergessen, als ich ihnen ihren Mist mit den Worten „Ihr habt da etwas vergessen“ wieder an Bord geworfen habe.

Irgendwann in den 1990ern, Santorin, Griechenland, Kamari-Strand. Durch einen Reiseführer darauf aufmerksam gemacht, besuchen wir diesen Strand. Schwarzes Lavagestein sollte doch etwas Besonderes sein. Von der Ferne ist der schwarze Strand tatsächlich nett anzuschauen, diese weißen Sprenkel im Sand sind wahrscheinlich kleine Bimssteine. 
Aus der Nähe betrachtet entpuppen sich die kleinen Weißen als eine Unzahl von Zigarettenfiltern. In ungefähr 10 bis 15 Jahren werden diese ja auf natürlichem Weg zersetzt sein …

Falls jetzt jemand argumentiert, dass das ja lauter Einzelfälle und noch dazu aus der Vergangenheit sind, muss ich leider entgegnen, dass diese Einzelfälle allein aufgrund der Zunahme der Boots- und sonstiger Touristen zu einem wirklichen ­Thema geworden sind. Wenn ich beobachte, wie leergetrunkene Plastikflaschen im Kielwasser mancher Boote verschwinden oder Zigaretten lässig über die Reling geschnippt werden, frage ich mich, ob sich diese Crew, so sie einen Hotel- oder Kluburlaub verbringen, dort ebenso benehmen. 
Längst kann man die Qualität ­einer Ankerbucht nicht nur mehr im Hafenhandbuch, sondern auch an der Anzahl der versenkten ­Flaschen und Dosen erkennen.

Auch Glasflaschen sind gute Schwimmer  
Mir ist schon klar, dass sich Müll an Bord ansammelt. Aber es kann mir niemand erzählen, dass er nicht während eines klassischen Chartertörns alle zwei bis drei Tage in einer Marina oder einer Stadt einläuft und dort den Abfall landesüblich entsorgen kann. Landesüblich ist halt auch so ein Thema, ich gehe aber davon aus, dass in größeren Marinas oder Städten die Müllabfuhr den Standard, den wir von zu Hause kennen, annähernd erreicht.

Da auch ich nicht perfekt bin, gebe ich zu, dass ich biogenen Abfall – also Speisereste, Gemüse- und Obstschalen, Kaffeesud u. ä. – in respektabler Distanz zur nächsten Küste im offenen Meer entsorge. Glasbehältnisse werden – wenn es beispielsweise aus Platzgründen wirklich nicht anders geht, bei großer Wassertiefe und noch größerem Abstand zur Küste am Beschlag der Badeleiter zerschlagen und versenkt. Bitte wirklich zerschlagen, weil Flaschen sehr gut schwimmen und sich Glassplitter am Strand nicht so toll machen! 
Zigarettenstummel werden prinzipiell in mit ein bisschen Wasser gefüllten Einwegflaschen gesammelt und bei Gelegenheit zusammen mit dem restlichen Müll der ortsansässigen Abfallwirtschaft vulgo „Mistkübel“ zugeführt. 
Wo möglich, wird Plastik, Papier etc. getrennt entsorgt. Leere Batterien oder sonstige kleinere Problemstoffe nehme ich aber mit nach Hause in der Überzeugung, dass sie da auch ganz bestimmt sachgemäß entsorgt werden.

Hand aufs Herz: Wir wollen doch alle dieselbe Freude an einer intakten Natur auf dem Wasser ungetrübt genießen und nicht in einer Kloake herumschippern! Mit ein bisschen Rücksicht auf alle(s) ließe sich das ganz wunderbar arran­gieren.

Thomas Pernsteiner ist Skipper, allgemein beeideter und gerichtlich zertifizierter Sachverständiger für Schifffahrt und Wasserfahrzeuge.

Fotos: Filistra/Shutterstock.com, privat

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