Wow, was für ein starker Ritt! | ocean7

Text: Marc Schinerl

Es läuft gerade der Croatia Coast Cup 2022, ich sitze zu Hause, beobachte den Tracker und denke, was wird unser Team wohl in Split machen, wenn es einen ganzen Tag Zeit hat? Wohl hoffentlich nicht von morgens bis abends feiern? Nein, wahrscheinlich nicht – die Crew ist ja doch schon recht reif.
Anscheinend hatte Wolfgang eine echt gute Idee und kurzerhand unsere Freunde von ACI Sail angerufen, ob es denn nicht möglich wäre, einen Nachmittag mit einer ClubSwan 36 auszurücken und diesen Racer zu testen. Siehe da, es hat tatsächlich geklappt und das Team von Aichfeld Yachting war drei Stunden später mit einer ClubSwan 36 vor Split unterwegs. Das Fazit dieses kurzen Ausflugs war eindeutig: was für ein lässiges Sportgerät, so cool diese Leichtigkeit und dieser Speed.
Zwei Tage später war ein Teil des Teams wieder recht kurzfristig der Überzeugung, dass es doch lustig wäre, mit einer solchen Rennmaschine von Segelboot an der Jabuka-Regatta in Vodice teilzunehmen.

Foto: regate.com.hr

Autobahn

Und so sitzen wir hier nun, am 10.11.2022 kurz vor Mitternacht, zu dritt im Auto von München nach Vodice. Reini und Martin unterhalten sich fantastisch über dieses und jenes, während ich mir auf dem Rücksitz einen Wetterbericht nach dem anderen reinziehe und überlege, ob das so eine tolle Idee war, für eine Regatta im Spätherbst, wo meist recht starke Bora herrscht, der Start in der Dunkelheit um 22 Uhr erfolgt und die trotz ihrer Kürze (90 bis 100 nm, je nach Kurs) für ihre Härte bekannt ist, so einen reinrassigen Racer, der auf seinen C-Foils leicht über 20 Knoten Fahrt erreichen kann, auszuwählen. Nun ja, der andere Teil vom Team, Wolfgang, Alex, die Riemi-Twins Markus und Manuel sowie Ivan schlafen wahrscheinlich schon tief und fest und träumen von einer coolen Downwind-Gleitfahrt.
Aber bekanntlich kommt ja alles immer anders als erwartet …

Übernahme

Freitagvormittag konnten wir ganz entspannt die TrACIng Perfection übernehmen und zu den ersten Trainingsschlägen ausrücken. Auf dieser Art von Schiffen gibt es ja viele Dinge, die etwas anders funktionieren. Zum Beispiel werden die Fallen nicht von herkömmlichen Klemmen gehalten, sondern von Lockern im Mast, und auch die Bedienung des C-Foils muss kurz geübt werden, aber im Gegensatz zu meinen Gedanken der letzten Tage habe ich eines sofort bemerkt: Die ClubSwan 36 ist einfach zu jeder Zeit unglaublich beherrscht. So haben wir es im Training bei ca. 15 Knoten Bora und fast glatter See im Kanal vor Vodice bei einem Reach locker auf 15 Knoten Fahrt geschafft und das Boot fühlte sich dabei an wie auf Schienen.
Nach diesen tollen Eindrücken haben wir uns dann am späten Nachmittag auf den Start vorbereitet. Etwas essen, aber nicht zu viel, es gibt ja keine Toilette auf der ClubSwan 36. Kurz schlafen, ca. 1 Stunde, mehr Zeit ist ja leider nicht, um noch das Nötigste für die nächsten 95 Meilen zusammenpacken. Sicherheitsausrüstung prüfen und los geht’s. Die 30 Minuten vor dem Start sind fast etwas nervig, da man mit der ClubSwan nicht einfach mal nur ganz langsam mit dem Großsegel fast im Wind stehen kann. Sobald man nur ein paar Grad abfällt, legt sie los, als hätte man auf einem normalen Performance Cruiser schon den Gennaker und alles gesetzt.

Start

Beim Start bleiben wir unserer Taktik treu und bleiben wie besprochen sicher. Der Respekt vor einem Downwind-Start mit dem Boot war groß, da wir einfach um so vieles schneller als die meisten anderen Boote waren, und so gingen wir ca. 20 Sekunden zu spät und wahrscheinlich fast als eines der letzten Boote über die Linie. Was aber danach kam, waren 15 Stunden purer Segelgenuss. Nach dem Setzen des Gennakers pflügten wir mit irrem Speed durch das Feld, sodass in mir als Steuermann manchmal schon ein komisches Gefühl aufkam, da ich durch den Gennaker nach Lee einfach nichts sehen konnte und mich zu 100 % auf die Ansagen der anderen Crewmitglieder verlassen musste.

Foto: regate.com.hr

Topspeed

Beim ersten Wendepunkt Plic Sestre lagen wir dann bereits unter den Top 10 und konnten den ca. 45 nm (Luftlinie) Downwind-Run zum Jabuka-Felsen einfach nur genießen. Der Topspeed betrug kurze Zeit 18,5 und ziemlich lange über 15 Knoten. Sehr beeindruckend in der Nacht, aber durch die unglaubliche Kontrolle, die man bei diesem Boot hat, einfach nur herrlich. Leider haben wir uns bei der Annäherung zum Jabuka für die falsche Seite entschieden und so geschätzt 30 Minuten verloren. Trotzdem gelang es uns, den Jabuka-Felsen als sechstes Boot zu runden.
Vor uns waren nur Racer wie eine VOR60, zwei Cecarelli 53/54 mit Canting Kiel, ein ONE OFF 82ft Racer und ein Foiler. Wir konnten also wirklich zufrieden sein. Was uns auf dem Weg zum Jabuka jedoch schon auffiel: Die ClubSwan nimmt über den Foilkasten, den aufziehbaren Propeller und über das Gennaker-Luk Wasser ohne Ende, mit jeder Welle dringen mehrere Liter ein, sodass wir permanent mit der Bilgepumpe Wasser über Bord bringen mussten.

Zurück

Der Upwind zurück nach Vodice verlief weniger spektakulär, obwohl zum Schluss die Bora mit ca. 23 Knoten noch einmal gezeigt hat, was sie kann. Aber auch dieser Teil der Regatta war sehr schön zu segeln. Überglücklich und doch recht erschöpft gingen wir als zehntes Boot von den 108 gestarteten Booten in Vodice nach etwas mehr als 14 Stunden über die Ziellinie.
In unserer Gruppe errangen wir den Klassensieg, was uns natürlich mit Stolz erfüllte. Denn die gesamte Regatta, das Team und auch das Boot waren einfach der Wahnsinn – und gerne kommen wir wieder!

München, November 2022, Marc Schinerl

Fotos: Aichfeld Yachting

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