Die neue Jachtverordnung reguliert Prüfungen zur „Ausstellung eines Internationalen Zertifikates zur Führung von Jachten“ und betrifft daher alle Ausbildungsangebote, die das Ziel haben, zu so einer Prüfung anzutreten. Andere Ausbildungsangebote wie Manövertraining, Segeltraining, Sturmtraining und ähnliches sind davon nicht betroffen. 

Von DI Harald Melwisch

Die Abwicklung der Prüfungen und die Inhalte für den österreichischen IC (Inter­national Certificate) waren bis
jetzt in der Verordnung „JachtPrO“ festgelegt. Nun wurde diese durch die überarbeitete neue Verordnung  „JachtVO“ ersetzt. Rund 1.200 ÖsterreicherInnen ­erwerben derzeit pro Jahr ein ­österreichisches IC. Nun aber ­müssen Aus­bildungsstätten ihre Kursinhalte an die neue Verordnung ­anpassen und Prüfungsor­ganisationen ihre Prüfungen entsprechend neu strukturieren.

Was ändert sich?
1. Die maximale zeitliche Frist zwischen Theorieprüfung und Praxisprüfung betrug bisher zwei Jahre, nun sind es drei Jahre. Diese Regelung kommt gerade recht für alle, die 2018 oder 2019 die Theorieprüfung FB2 gemacht haben und in diesem Frühjahr die Praxisprüfung machen wollten. Dies war ja wegen Corona nicht möglich. Diese Frist ist gekoppelt an eine dreijährige Aufbewahrungsfrist für die Prüfungsunterlagen bei den Prüfungsorganisationen. 
Für den Fahrtbereich FB3 gibt es bekanntlich keine gesonderte Praxisprüfung. Personen, die die Theorieprüfung FB3 gemacht haben, müssen zur Ausstellung des IC FB3 die geforderten Seemeilennachweise erbringen. Dafür haben sie jetzt auch nur drei Jahre Zeit. Für den Fall, dass die Theorieprüfung FB3 vor der Praxisprüfung FB2 erfolgt (was erlaubt ist), läuft die Frist ab der Praxisprüfung FB2.     

2. Alle Prüfungen enthalten die Prüfungsinhalte für einen Befähigungsausweis „Motor“. Das optionale „Motormodul“ der JachtPrO ist nun integriert und verpflichtend. Dadurch führt jede Prüfung zum Berechtigungsumfang „Motor“. Ein Zusatzmodul  führt zu ­einem Berechtigungsumfang für „Motor und Segel“. Somit gibt es nur noch Befähigungsausweise für „Motor“ oder „Motor und Segel“. 

3. Die Anzahl nachzuweisender Seemeilen und Nachtfahrten für die einzelnen Fahrtgebiete ist praktisch gleich geblieben. Bordtage müssen aber nicht mehr nachgewiesen werden, für FB3 ist keine Fahrt von 50 Stunden mehr nötig und für FB4 kein Anlaufen von vier Gezeitenhäfen und keine große Überfahrt von 500 Seemeilen. 

Dadurch wären die Anforderungen theoretisch übersichtlicher, ein leichter Hang zur Verkomplizierung zeigt sich im Detail: Seemeilen für einen Befähigungsausweis „Motor“ können auf Motorbooten oder Segelbooten mit Motorantrieb gefahren werden und können weniger Seemeilen beinhalten. Für „Motor und Segel“ können Seemeilen teilweise auf Motorbooten gefahren werden, teilweise auf Segelbooten und teilweise auf Segelbooten ohne Motor und müssen mehr Seemeilen sein als für „Motor“.
Beispiel FB2: Für „Motor“ sind 300 Seemeilen nötig auf Motorbooten oder Segelbooten mit Motor­­antrieb. Für „Motor und Segel“ sind 500 Seemeilen nötig, maximal 300 davon können auf Motorbooten gefahren sein, mindestens 200 auf Segel­­booten mit Motorantrieb und maximal 200 auf Segelbooten ohne Motorantrieb. Die Aufschlüsselung für die anderen Fahrtgebiete ist auf der neuen Homepage des MSVÖ nachzulesen.   
Der Nachweis von Seemeilen war in der früheren JachtPrO nur mit Stapeln von Logbüchern möglich, jetzt genügt eine (in der Verordnung definierte) Seemeilenbestätigung. Der Hang zur Verkomplizierung hat auch hier zugeschlagen: Ausgenommen sind eigene Skippermeilen (für FB3 und FB4 vorgeschrieben), diese müssen per Logbuch nachgewiesen werden.  

4. Lernziele für die einzelnen Fahrtbereiche sind zwischen den Fahrtbereichen verschoben worden. Daher müssen alle Fragenkataloge, Karten- und Gezeitenarbeiten für die Theorieprüfungen neu gestaltet werden. Auch Strukturen ändern sich: Die Kartenarbeit FB2 hat 14 Fragen statt 15, Kartenarbeit FB3 hat 9 Fragen statt 10 usw. 
Die optionale Prüfung zum Pyrotechnik-Ausweis bleibt unverändert möglich. 

5. Die Praxisprüfung für den Befähigungsumfang „Motor“ kann jetzt auch auf einem Segelboot mit Motorantrieb absolviert werden. Da die meisten Prüfungen die Be­­fähigung „Segel“ beinhalten, vereinfacht sich dadurch die Prüfung zur Befähigung „Motor und Segel“. 
Die Inhalte der Praxisprüfung wurden gegliedert in „Pflichtpunkte“ und „Wahlpunkte“. Wahlpunkte: Der Prüfer kann wählen, welche Punkte er pro Kandidat prüft. Sehr vernünftig, weil dadurch bei mehreren Prüflingen die Wiederholung von Prüfungspunkten vermindert wird.
Neue Schwerpunkte gibt es auch, beispielsweise sind vorgeschrieben: vier Knoten als Pflichtpunkte und weitere vier Knoten als Wahlpunkte, von denen aber auch drei geprüft werden müssen. Somit muss jeder Prüfling auf sieben Knoten geprüft werden, die vier Pflichtknoten müssen bestanden werden, die Wahlknoten nicht. Zu den Pflichtknoten gehört übrigens auch der Schotstek, der auf Freizeitschiffen so gut wie ausgestorben ist. Vielleicht kommt er jetzt wieder in Mode … 
Die im Rahmen eines Befähigungsausweises „Binnen“ abgelegte Praxisprüfung kann auch weiterhin die Praxisprüfung für den Fahrtbereich 1 ersetzen. 

Tipp: Wer demnächst die neue Praxisprüfung ablegen will, übe den Schotstek! Gelingt dieser nicht, ist die Prüfung vermasselt!

Für die oben erwähnten Anpassungen der Abwicklung und der ­Inhalte der Prüfungen haben Ausbildungsstätten und Prüfungsorganisationen eine Frist bis Ende 2020. Bis dahin dürfen sowohl „JachtPrO“ als auch „JachtVO“ angewendet werden, spätestens ab 2021 jedoch nur mehr die „JachtVO“. Bereits abgelegte Theorieprüfungen bleiben im Sinne der neuen JachtVO gültig. Falls in diesen das nun allgemein nötige Modul „Motor“ nicht enthalten war, muss dieses allerdings nachgemacht werden.

DI Harald Melwisch, Präsident des „King Yachting Club“, Prüfungsreferent des MSVÖ – Motorbootsport und Seefahrts Verband Österreich und langjähriger Experte auf dem Gebiet der Berufs- und Freizeitschifffahrt. 

Foto: Shutterstock

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