Heute sag ich jaja, man wächst hinein in das Blauwassersegeln, wird abgehärtet, tapfer, cooler. Keine Rede davon bei unserem ersten Sturm im Atlantik auf dem Weg zu den Kanarischen Inseln.

Alexandra Schöler aus der Küche der Risho Maru.

„Starkwind“ meinte mein Skipper. OMG! Das war immerhin der große Atlantik, die Wellen waren riesig, die Wolken grau und dick und unheimlich. ­Zuvor im Internetcafe war keine Rede davon. Ach, dieses Wetter! 

„Hunger!“ Das war Finn. Dem war es egal, was da draußen passierte. Egal, welche Wellen, egal, welches Tiefdruckgebiet, egal, welche Störungen derselben. Mist. Seekrank wird bei uns keiner. Das ist ein Vorteil, kenne ich doch genug Crews, die zu diesem fortgeschrittenen ­Gewackel im Gleichton reierten.
„Hunger!“ Ok. Es war ja schon der zweite Sturmtag. Am ersten hatte ich vorgesorgt. Krautfleckerl noch im Hafen gemacht. Und Chips mit Dips und Brot gebacken. Am zweiten Tag stand der Gusto an Bord nach etwas anderem. Pasta. Basta. Es gab wieder was mit Nudeln. Ich klemmte mich in die Kombüse der Risho Maru. Erhöhte Schiffsbewegungen. Heißt, das Schiff bewegt sich vorwärts, was gut ist, aber eben durch die Wellen auch seitwärts und auf und ab. Der Deckel des Spaghetti­­topfs knallte auf meinen Zeh. Aua! Egal. Auf den Monoyachten muss es noch schlimmer sein, weil Schräglage. Aber ich denke, im Grunde ist es auf jedem Schiff bei solch einem Wetter grenzwertig. Außer vielleicht auf einer Fähre oder einem Kreuzer. Aber da war ich nicht. Leider. Zwiebel schneiden. Gut, dass unsere Kombüse klein ist. Ich klemmte mich zwischen Niedergangsleiter und Küchenbankerl, drückte Halt suchend die Zwiebel aufs rutschende Brett und schnipselte. 

Viel Olivenöl in den Topf. Was noch? Vor mir Kapern. Rein damit, Oliven ohne Kerne, rein damit, eine salzige Sardelle, rein damit. Und Knoblauch, wenn ich es bis zu ihm schaffe. Bumm! Kopf angehauen am Querbalken. Gut, die Küchenorganisation war damals noch bescheiden. Würde mich da in den folgenden Segeljahren sehr verbessern.
Eine Knoblauchzehe landete im Topf, der Rest hinter dem Ofen. Mach ich später sauber, heißt in Lanzarote – sollten wir da je ankommen – heißt in vier Tagen. Da könnte ich den Knoblauch wahrscheinlich getrocknet verwenden. Platsch!  Wasserspritzer von oben. Blöde Welle. Boden feucht. Mist. Wo sind die Bodenfetzen? Irgendwann, viel später, würde ich dann Zeitungspapier auf den Boden legen, das saugt super und man entsorgt es schnell und es stinkt nicht wie ein alter Hund. Aber das würde erst in Tonga sein, zwei Jahre später. Ja, Seefrau werden ist nicht schwer, aber sein dagegen sehr … 

4,5 Jahre Urlaub?!
Chili. Rein in die Pfanne und dann eine Dose Tomaten aus der nassen Bilge. In Neuseeland werde ich so weit gereift sein, dass für die jeweilig berechnete Überfahrtszeit alles handlich bereitsteht, mit Speiseplan, aber im Augenblick suchte ich den Dosenöffner. Hatte die billigen Tomatendosen ohne integrierte Öffnungsschlaufe gekauft. Schöner Mist bei 25 Knoten Wind. Wo war die Stauliste, um dieses Manko zu vermerken? Ach, pfeif drauf. 
„Hunger!“ Finn muss ein Affront für seekranke Menschen sein, kopfüber hing er in seiner Koje und las Asterix!
So, Nudeln rein, kochen, kochen. Kosten, kochen. Passt. Jetzt das Meisterstück: heißes Wasser abseihen, die Schiffsbewegungen berücksichtigend. Dabei immer bekleidet sein. Damals auf
dem Atlantik sowieso, es war saukalt. Aber in den Tropen würde ich schon mal im Bikini dastehen und das könnte böse enden. Ok, Nudeln fertig, Tomatensoße dazu, Parmesan drüber, Blechteller, Gabel.
Essen fertig! Die Männer futterten. Ich war total erledigt. ­Seekrank war ich nicht, aber hungrig auch nicht mehr. Ich würde dann später während der Nacht­wache meine Portion essen.  

Sohn Finn, das hungrige Seemonster an Bord.

Fünf Jahre später fragte mich bei einer unserer Multivisionsshows eine pikierte Dame, wie es denn so sei, viereinhalb Jahre Urlaub zu machen. Urlaub! Ich geh dann mal abwaschen. Muss sein, lieber gleich, weil sonst das Chaos morgen noch schlimmer ist. Außerdem hab ich nur zwei Töpfe, mehr passen nicht in die Küche. 
Und warum diese traditionelle Rollenverteilung an Bord? Kann nicht Peter kochen oder abwaschen? Der navigiert. Und da wird mir richtig schlecht. Da koch ich lieber. Peter liest und empfängt die Wetterfaxe, wartet, starrt, versucht, sich zu konzentrieren und auch sein Appetit hält sich in Grenzen. Aber wie immer lobte er die Küche!
Nur Finn aß immer begeistert. Wollte noch eine Portion. Fiel dann wieder in seine Koje und verlangte Nachspeise. Ich schmiss ihm einen Schokoriegel auf den Kopf. So, die Küche ist geschlossen, Seemonster!
Da Sturmspaghetti in Wirklichkeit einfach aus dem gemacht werden, was gerade in der Kombüse herumliegt, gibt es dazu kein Rezept, aber dafür ein „all time favorite“  für hungrige SeglerInnen von 1–99: Nutella-Palatschinken!

Nachkochen an Bord:

Palatschinken à la Risho Maru

Zutaten:
150 g Mehl, 2 Eier, 250 ml Milch, 125 ml Wasser.

Zubereitung:
Alle Zutaten mit dem Schneebesen glattrühren, in einer Pfanne mit etwas Öl von beiden Seiten goldgelb ausbacken. Füllung: Schokocreme à la Nuetella gibt es von Kroatien bis Papete …

Tipps:
Eier: Einzeln aufschlagen – ich habe oft Eier auf Inseln in kleinen Supermärkten oder von Einheimischen direkt gekauft. Die Frische lässt sich da oft nicht nachvollziehen und ein stinkendes Ei an Bord ist wirklich grauenhaft und verdirbt das ganze Gericht sofort!
Milchpulver: Das beste Milchpulver habe ich in Neuseeland gekauft. Lange bin ich mit Haltbarmilchtetrapacks gesegelt, aber Milchpulver ist leichter zu stauen und kann sparsamer verwendet werden.

Alexandra Schöler ist Weltumseglerin, Sängerin, Regisseurin, Buchautorin und seit 2010 Ocean Woman.  

Fotos: Peter und Alexandra Schöler

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