Die Nacht vom 7. auf den 8. Oktober 2021 war eine kurze Nacht. Ein schneller Stopp auf der Insel Silba, ausschlafen und dann frühmorgens wieder in das Ölzeug schlüpfen. So fuhren wir gegen vier Uhr aus dem Hafen, setzten die Segel, um unseren Weg in der stockdunklen Nacht fortzusetzen. Wunderschönes Wetterleuchten über der Adria, die Blitze waren aus der Distanz ein beeindruckendes Naturspektakel. Doch genauso blitzartig riss uns der Alarm des Funkgeräts aus der idyllischen Träumerei.

Von Harald Schwanzer

Mir pochte das Herz bis zum Hals, als ich die Meldung ­notierte. Blechern tönte es über den Lautsprecher: „Mayday,  May…,  Ma…, Board Posit …“
Ich erinnere mich nicht mehr an alle Details, den Funkspruch konnte ich mehr schlecht als recht verstehen. Gut in Erinnerung habe ich das Gefühl der Verzweiflung. Denn als ich dem Maritime Rescue Coordination Center (MRCC) den Erhalt des Mayday Relay bestätigte, war die genaue Positions­ermittlung des Unfalls schwierig auszumachen. Gefühlte zehn Mal hörte ich den geduldigen Operator in Rijeka die Position übermitteln. Im Eifer des Gefechts ist eine einfache Koordinatenübermittlung eine Herkulesaufgabe.

Doch es muss nicht immer gleich ein Notruf sein. Auf einem Törn passieren auch ohne erschwerte Bedingungen allerhand Pannen wie z. B.
ein klemmendes Großsegel, eine ­gebrochene Steuerungskette, eine ­unklare Ankerwinsch. Kleine Probleme, die aber rasch zum Notfall für Schiff und Crew werden können. 
Der Seefunk ist der heiße Draht, über den man Hilfe anfordern kann. Mit einem einzigen Knopfdruck kann man die Rettungskette in Gang setzen. Doch wie oft kommt es vor, dass man den roten Knopf drücken muss?

Ich wünschen jedem, dass dies stets nur zu Übungszwecken geschieht, ohne Stress und Not. Die Kommu­nikation zur Küstenfunkstelle bleibe ein Stiefkind. Der Distress-Knopf ein Tabu. Und wie sieht es mit der übrigen Verwendung des Seefunks aus? Hand aufs Herz! 
Wer nie selbst in eine Notsitua­tion als Helfer geraten ist, kann schwer abschätzen, wie er persönlich reagieren würde. Die Amygdala lässt grüßen! Sie ist ein Teil unseres limbischen Systems. Der Mandelkern, wie er auch genannt wird, übernimmt in gefährlichen Situa­tionen die Kontrolle. 

Ein uralter Mechanismus – Angriff, Flucht oder Totstellen ist das Basisprogramm. Wir sind dann selbst Passagier unseres eigenen Handelns. Dem können wir mit Übung von Routinen begegnen. Und diese Routine ist es leider, die uns beim Funk meist fehlt.
Wüsstest du z. B. auf Anhieb, wie man einen PAN PAN absetzt? Und wie sieht es mit deiner Crew aus? Schulst du sie bei der Sicherheitseinweisung am Funk ein?
Oft ist der Skipper der einzige zertifizierte Funker an Bord, doch im Notfall hat er andere Agenden, als einen Funkspruch abzusetzen. Wäre es da nicht besser, noch einen „fähigen“ Funker dabei zu haben? 

Kleine Schritte, große Wirkung

Oft helfen kleine Schritte zur sukzessiven Verbesserung:
1. Spiele unterschiedliche Notfälle im Kopf durch – schreib ein kleines Drehbuch in deinen Gedanken, beim nächsten längeren Schlag. Du hast Zeit, kannst die Situation auf das jeweilige Schiff und die verfügbare Crew anpassen. Wem würdest du welche Not­rolle zuordnen/zutrauen? ­Natürlich kannst bzw. solltest du diese Rolle für konkrete Notfälle auch schon vorab verschriftlichen. 
2. Mach dir einen Spickzettel und verwende ihn – Erlerntes von einem Zettel abzulesen ist noch einfacher als Unbekanntes oder Neues. Im Internet gibt es genügend Vorlagen, man muss das Rad nicht neu erfinden.
3. Baue Berührungsängste ab – verwende das Funkgerät so oft wie möglich, funke die Marinas für den Liegeplatz an, mache einen Radiocheck mit der Küstenfunkstelle, übe Routinecalls, wenn du andere Schiffe in der Umgebung kennst.
4. Frische deinen Funkkurs auf – ohne Prüfungsstress lernt man doch viel besser.
5. Motiviere deine Crew, einen Funkschein zu machen – der Aufwand ist überschaubar, der Nutzen groß!

Mayday Relay – unter Stress sind einfache Überlegungen Schwerstarbeit. Übe und frische dein Wissen nach der Prüfung stressfrei auf!

Zurück in die frühen Morgenstunden des 8. Oktober. Als die Koordinaten übermittelt waren, trug ich sie in die Karte ein. Wir waren nur 20 Meilen von dem Ort entfernt, boten unsere Hilfe an. Die Küstenstation forderte uns auf, die Fahrt fortzusetzen. 
Natürlich unternahmen wir später Recherchen, um uns über das Geschehene zu informieren. Ein junger Mann war in der Nacht über Bord eines Trimarans gegangen. So nahe der Küste, dennoch konnte er nie gefunden ­werden und gilt als vermisst. 

So nah und doch zu weit weg für rasche Hilfe.

Fotos: Harald Schwanzer, Shutterstock

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