Meeresschildkröten | ocean7

Meeresschildkröten

von | Mai 13, 2022

Reptilien gehören nicht unbedingt zu den Favoriten der breiten Öffentlichkeit. Es gibt aber eine Ausnahme: die Meeresschildkröten. Jeder Schnorchler und Taucher freut sich über eine Begegnung mit den gepanzerten Meeresbewohnern. Die Freude besteht zu Recht, denn diese Tiere sind faszinierend.

Frei lebende Meeresschildkröten, die noch keine schlechten Erfahrungen mit uns gemacht haben, sind zutraulich und beäugen uns sonderbare Wesen gerne aus der Nähe. Anstatt dieses Vertrauen zu missbrauchen, sollten wir es als Privileg empfinden, Zeitgenossen aus der Ära der Dinosaurier ein Stück ihres Weges begleiten zu dürfen.

Von Dr. Reinhard Kikinger

Es haben zwar auch Schlangen, Krokodile und diverse Echsen ihre Liebhaber, aber das ist eine Minderheit. Die Mehrheit möchte mit diesem Getier weder daheim noch im Urlaub zu tun haben. Mit Meeresschildkröten ist es anders, sie zählen zu den „Großen Fünf“ der Unterwasser-Hitliste. Zusammen mit Mantas, Haien, Delfinen und Napoleonfischen stehen sie ganz oben auf der Wunschliste der Taucher und Schnorchler. Warum das so ist, können wir verstehen oder auch ganz einfach fühlen, wenn wir das Glück haben, ihnen zu begegnen.

Kurzer Steckbrief  
Meeresschildkröten haben sich aus Landschildkröten entwickelt, die vor etwa 200 Millionen Jahren in das Meer eingewandert sind. Heute sind zwei Familien mit insgesamt sieben Arten von Meeresschildkröten bekannt. Sie kommen in tropischen und subtropischen Meeren vor und legen auf ihren Wanderungen weite Strecken zurück. Ihr stromlinienförmiger Panzer und die paddelförmigen Extremitäten machen sie zu guten und ausdauernden Schwimmern. Sie können tief und lange tauchen, müssen als Lungenatmer aber von Zeit zu Zeit an der
Wasseroberfläche Luft holen. Im Gegensatz zu Landschildkröten können sie ihren Kopf nicht in den schützenden Panzer zurückziehen. Ihre Nahrung besteht aus großen Planktern wie Medusen, aus verschiedenen bodenlebenden Meerestieren wie Schwämmen und Seeanemonen, und auch Seegras steht auf ihrem Speisezettel. Die verschiedenen Arten der Meeresschildkröten bevorzugen ein durchaus unterschiedliches Menü.

Die Unechte Karettschildkröte (Caretta caretta) hat einen wuchtigen Kopf und einen massiven Körperbau. Das abgebildete Exemplar (links) trägt an der rechten Vorderflosse eine rote Markierung. Es wurde nach der Behandlung einer Verletzung markiert. Solche Markierungen erlauben bei wiederholten Sichtungen Aussagen über Wachstumsraten, Alter und Wanderrouten.
Rechts ist die Echte Karettschildkröte (Eretmochelys imbricata) abgebildet, ihre Hornschuppen sind für die Schmuckherstellung begehrt. Der Handel mit Produkten von Schildkröten ist verboten, der Schwarzhandel blüht jedoch. Die Schildkröten werden, meist lebend (!) in brühheißes Wasser gesteckt, um dann mit dem Messer die Hornplatten abheben zu können. Welcher Schmuck ist diese Tortur wert?
Ein Schwamm wurde von der Karettschildkröte aus dem Riff herausgebrochen. Das interessiert auch den Blaukopf-Kaiserfisch (Pomacanthus xanthometopon). Auch auf seinem Speiseplan stehen Schwämme und er nützt die Gelegenheit zu einem gemeinsamen Mahl. 
Die Echte Karettschildkröte (Eretmochelys imbricata) ernährt sich hauptsächlich von Organismen des Korallenriffs. Hier weidet sie Scheibenanemonen (Corallimorpharia) ab, die flächenhaft Teile des Riffs überwachsen. Bei größeren Futterstücken werden geschickt die paddelförmigen Vorderextremitäten zu Hilfe genommen. Die Delikatesse wird gehalten, einzelne Stücke werden abgebissen und verzehrt.

Entwicklung  
Zur Fortpflanzung treffen sich die einzelgängerischen Meeresschildkröten in Küstennähe, die Paarung erfolgt im Meer. Wenn die Weibchen zur Eiablage bereit sind, kriechen sie an flachen Sandstränden an Land. Jedes Weibchen hebt eine 30 bis 50 cm tiefe Nistgrube aus und legt etwa 80 bis 120 Tischtennisball-große Eier in dieses Nest. Danach wird die Nistgrube zugeschüttet und der mühsame Rückweg zum Meer angetreten. Das alles erfolgt in der Nacht. Die Wärme der Sonnenstrahlen brütet die Eier aus, wobei höhere Temperaturen hauptsächlich Weibchen, niedrigere Temperaturen vermehrt Männchen zur Entwicklung bringen.

Nach zwei bis drei Monaten ist es dann soweit: Die Jungen schlüpfen aus den Eiern, graben sich nach oben an die Sandoberfläche, orientieren sich und wandern über den Strand Richtung Meer. Sobald sie von den ersten Wellen umspült werden, beginnen sie zu schwimmen, weg von der Küste, hinaus auf das offene Meer. Was folgt, sind die so genannten „verlorenen Jahre“: ein Zeitraum, über den die Wissenschaft wenig weiß. Vermutlich driften die Kleinen mit Meeresströmungen, ernähren sich von Plankton und wachsen langsam heran. Die Geschlechtsreife wird mit einem Alter von 20 bis 30 Jahren erreicht. Nach der Paarung legen die Weibchen bevorzugt an den Stränden, an denen sie geschlüpft sind, ihre Nester an. Damit hat sich ein langer Entwicklungskreislauf geschlossen.

Junge Schildkröten sind nur wenige Zentimeter groß, wenn sie aus den Eiern schlüpfen. Die Baby-Suppenschildkröte links hat noch einen weichen Panzer. Mancherorts werden sie eingesammelt, in Becken großgezogen und erst dann in die Freiheit entlassen. Theoretischer positiver Effekt: Es fallen weniger Schlüpflinge Fressfeinden zum Opfer. Praktischer negativer Effekt: massiver Eingriff in die Entwicklungsbiologie dieser Tiere mit Auswirkungen auf Schwimm­verhalten, Orientierungsleistung und Ernährungsphysiologie. 
Manche Nachzügler treten erst bei Tageslicht ihre Wanderung vom Nest zum Meer an. Jeder tiefere Fußabdruck im Sand ist eine Fallgrube für die kleinen Krabbler. Mit unglaublicher Energie wird Hindernis um Hindernis überwunden, bis das Meer endlich erreicht ist. Dort beginnt dann eine lange Reise in eine gefahrvolle und ungewisse Zukunft. Wer je Gelegenheit hatte, die Lebenskraft der kleinen Nestlinge zu erleben, kommt nicht umhin, ihnen viel Glück zu wünschen. In vielen Ländern versuchen engagierte Menschen den bedrohten Schildkröten zu helfen. Der Schutz von Niststränden ist besonders wichtig.

Gefährdung  
Es ist allgemein bekannt, dass nur ­wenige der jungen Meeresschildkröten überleben. Nesträuber wie Füchse und streunende Hunde graben die Schildkröteneier aus und fressen sie. Möwen und Krabben holen sich die wehrlosen Schlüpflinge am Strand, und für Raubfische sind die Schildkrötenbabys ebenfalls ein Leckerbissen. Sturmfluten und Tsunamis können ganze Niststrände überschwemmen und die Jahresbrut vernichten. Und doch sind die Meeresschildkröten Millionen Jahre lang mit diesen natürlichen Bedrohungen zurecht­gekommen.

Kein Schildkrötenpanzer ist hart genug, um der Wucht eines Bootspropellers zu widerstehen. Der rotierende Propeller hat eine Serie von Einschlägen am Panzerrand einer Karettschildkröte (Caretta caretta) hinterlassen (Bild links). 
Bild Mitte und rechts: Immer noch tauchen im Meer Relikte vergangener Kriege auf. Diese Treibmine lag vor einem beliebten Mittelmeer-Badestrand in 9 Meter Wassertiefe. Ein Spezialkommando sprengte die Mine an Ort und Stelle, mit tödlichen Auswirkungen für die Unterwasserwelt. Neben tausenden Fischen fielen auch zwei Meeresschildkröten der Sprengung zum Opfer. Die Wucht der Explosion riss die Hornschuppen weg und zerfetzte den darunterliegenden Rückenpanzer dieser Caretta caretta.

Was sie heute an den Rand des Aussterbens bringt, ist die zusätzliche Bedrohung durch uns, die Menschen. Niststrände werden vielerorts gnadenlos verbaut und touristisch erschlossen, mit fatalen Folgen für die Nistplatz suchenden Weibchen und die schlüpfenden Jungtiere. Die Schlüpflinge werden von Lichtquellen im Hinterland wie Hotel- und Straßenbeleuchtungen in die falsche Richtung gelockt und vertrocknen auf ihrer vergeblichen Suche nach dem Meer. Rasende Motorboote und Jet-Skis vertreiben, verstümmeln oder töten die zu langsamen Schildkröten, die sich zur Paarung und Eiablage vor der Küste sammeln. Der Verseuchung der Meere mit Driftnetzen, Schleppnetzen und beköderten Langleinen fallen ungezählte Meeresschildkröten als unerwünschter Beifang durch Ertrinken zum Opfer. Das Verschlucken von Plastikbeuteln, Zigarettenstummeln und anderem Müll, der im Meer treibt, fordert weitere Opfer. Die Verwendung der Schildkröteneier und des Schildkrötenfleisches als Nahrungsmittel war so lange nicht bestandsgefährdend, als nur relativ wenige lokale Küstenbewohner davon Gebrauch machten. In der Zwischenzeit wurde der Handel mit diesen Produkten kommerzialisiert, und sie werden auch in Millionenmetropolen fern der Küste angeboten. Und schließlich finden sich in Souvenirläden, teils offen, teils versteckt, immer noch ausgestopfte Schildkröten oder Schmuck, Kämme, Brillenfassungen etc. aus Schildpatt. Der internationale Handel mit Schildkrötenprodukten ist zwar verboten (CITES: Convention on International Trade in Endangered Species), der einzige wirksame Schutz ist jedoch ein Kaufboykott der Konsumenten.

Bild links: Auf den Panzern sind oft kleine weiße Aufwuchsorganismen zu erkennen: Krebse (Chelonibia testudinaria), die sich von ihren Wirtsorganismen transportieren lassen. Eine solche Vergesellschaftung nennt man Phoresie. 
Bild Mitte: Über Jahrmillionen ernährten Meeresschildkröten sich von großen Planktonorganismen wie Medusen, Salpen und anderen Megaplanktern. Heute treibt viel Müll im Meer. Plastikbeutel sehen Medusen leider oft zum Verwechseln ähnlich und können das Todesurteil bedeuten.
Bild rechts: Große Haie zählen zu den wenigen Fressfeinden adulter Meeresschildkröten. Die Folgen eines Hai-Angriffes sind bei diesem Exemplar (Lepidochelys olivacea) deutlich sichtbar.

Ausblick  
Nur eine informierte und aufgeklärte Gesellschaft kann dazu beitragen, dass nicht laufend eine Art nach der anderen unbemerkt von unserem Planeten verschwindet. Das Motto „Wir schützen nur, was wir lieben. Wir lieben nur, was wir kennen. Und wir kennen nur, was uns gezeigt wurde“ trifft für Natur- und Artenschutz ganz besonders zu. Vor allem die Meerestiere scheinen sehr weit von unserem Alltag entfernt zu sein. Doch wir haben über unser Konsumverhalten und durch unsere Urlaubsgestaltung direkten Einfluss auf sie. Das zu erkennen ist ein erster Schritt, dann haben wir die freie Wahl, welchen Weg wir gehen. 

Eine Suppenschildkröte (Chelonia mydas, Bild links) schwebt den Riffhang entlang. Der deutsche Name dieser Schildkröte weist auf ihre Verwendung hin: Sie diente und dient immer noch zur Herstellung der Schildkrötensuppe. Wer jemals gesehen hat, auf welch schreckliche Weise diese Tiere getötet werden, wird aber freiwillig und lebenslang auf die fragwürdige Delikatesse verzichten.
Bild Mitte: Meeresschildkröten schlafen auf dem Meeresgrund. Obwohl sie als Reptilien Lungenatmer sind, können sie stundenlang unter Wasser ruhen. Hier dient eine dicke Schicht abgefallener Blätter des Neptungrases (Posidonia oceanica) einer riesigen Karettschildkröte (Caretta caretta) als Ruhekissen.
Der Panzer der Meeresschildkröten mag starr erscheinen, er verfügt jedoch über eine gewisse Elastizität und ist berührungsempfindlich. Die Karettschildkröte auf dem rechten Bild reibt ihren Rückenpanzer genussvoll an einem Riffüberhang. Das dient einerseits der Entfernung von Aufwuchsorganismen, zeigt aber auch alle Anzeichen einer lustvollen Betätigung. 

Systematik:
Klasse: Reptilien, Reptilia
Ordnung: Schildkröten, Chelonia 
Familie: Cheloniidae
Suppenschildkröte, Chelonia mydas
Unechte Karettschildkröte, Caretta caretta
Echte Karettschildkröte, Eretmochelys imbricata
Bastardschildkröten, Lepidochelys olivacea und Lepidochelys kempi
Wallriffschildkröte, Natador depressus
Familie: Dermochelyidae
Lederschildkröte, Dermochelys coriacea

Bei verantwortungsvollem Verhalten der Taucher sind solche hautnahen Interaktionen mit frei lebenden Meerestieren möglich. Wer jedoch auf einer Schildkröte reitet, sich von ihr schleppen lässt oder sie für das ultimative Foto vor sich herjagt, sorgt dafür, dass sie scheu wird und in Zukunft vor jedem Taucher flüchten wird. Wir haben die Wahl, wie wir uns verhalten.

Literatur:
SPOTILA, J.R. (2004). Sea Turtles: A Complete Guide to their Biology, Behavior, and Conservation. Johns Hopkins University Press, 240pp. ISBN 0-8018-8007-6
www.archelon.gr
www.seaturtle.org
www.turtles.org
www.turtle-foundation.org

Dieser Artikel erschien in OCEAN7 5/2008. Wissenschaftliche Artnamen wurden in dieser Online-Version aktualisiert und gemäß WoRMS (World Register of Marien Species) auf den letzten Stand gebracht.

Dr. Reinhard Kikinger ist Meeresbiologe, langjähriger Kursleiter an der Universität Wien, an Feldstationen im Mittelmeer und auf den Malediven und schreibt seit 2007 für ocean7.

Fotos: Dr. Reinhard Kikinger

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