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Muränen – verkannt und ungeliebt

von | Jul 22, 2022

Jeder kennt sie, kaum einer mag sie – die Muränen. Zugegeben, sie gehören nicht gerade zu den schönsten Meeresfischen und sie sehen grimmig aus. Aber sind sie tatsächlich so gefährlich wie ihr Ruf?

Sowohl die Art – Netzmuräne – als auch das abgebildete Verhalten – Atmen – kennen wir bereits. Mit diesem Wissen finden wir einen anderen Zugang zu diesen Tieren und können sie und ihr Verhalten besser einschätzen.

Von Dr. Reinhard Kikinger

Die meisten von uns mögen Muränen nicht. Wir empfinden sie als hässlich und gefährlich. Woran mag das liegen? Es hat wohl mit unserer anthropomorphen Sicht der Welt zu tun. Wir sind „Augen-Wesen“, orientieren uns hauptsächlich optisch, und haben deswegen auch eine so genannte „Welt-Anschauung“. Was wir sehen, wird von uns nach unseren menschlichen Maßstäben interpretiert. Das ist meistens auch sinnvoll, manchmal aber völlig falsch. Dem Aussehen von Tieren vermeintliche Charaktereigenschaften zuzuordnen führt zu falschen Schlüssen. So frisst ein Delfin in Wirklichkeit eine sehr große Menge an Fischen – so viel wie ein gleich großer Hai, der von uns aber verteufelt wird. Der „kühne“ Blick der Greifvögel ist ausschließlich durch ihr Schädel­­skelett bedingt, etliche sind Aasfresser. Die gespaltene Zunge der „falschen“ Schlange dient ihr als hoch entwickeltes Chemo-Sinnes­organ, gilt in unserem Sprachgebrauch aber als Sinnbild für Unehrlichkeit und Heimtücke. Das sind nur einige wenige Beispiele von vielen. Zu den Opfern solcher Verwechslungen und Missinterpretationen zählen auch die Muränen.

Die Gelbgefleckte Muräne (Gymnothorax flavimarginatus, Abb. links) ist nach klassischer Muränenart in einer Riffspalte versteckt und beobachtet die Umgebung. Die Geistermuräne (Rhinomuraena quaesita, Abb. rechts) gehört zu den seltenen Arten. Sie wird bis 120 Zentimeter lang, hat einen schlanken Körper und zwei große Riechlappen am Oberkiefer. Das abge­bildete Exemplar ist ein Männchen. Die weiblichen Tiere sind größer und dunkel gefärbt.

Muränen – wie sie wirklich sind 
Sie bilden innerhalb der Knochenfische (Osteichthyes) eine eigene Familie, die Muraenidae. Es sind etwa 200 Arten bekannt, die meisten kommen in tropischen und subtropischen Meeren vor. Es sind schuppenlose, aalförmige Fische, deren größte Vertreter drei Meter Länge erreichen können. Die lang gezogene Rückenflosse geht in die Schwanzflosse über und bildet zusammen mit der Analflosse einen durchgehenden  Flossensaum. Brust- und Bauchflossen fehlen. Die meisten Muränen sind tagsüber in Spalten und Kleinhöhlen versteckt. In der Dämmerung schwimmen sie mit schlängelnden Bewegungen durch das Riff und gehen auf Jagd. Sie ernähren sich von Fischen und Krebsen, aber auch Tintenfische stehen auf ihrem Speiseplan. Sie haben einen hoch entwickelten Geruchssinn, der ihnen beim Aufspüren ihrer Beute hilft.

Die Muräne links scheint traurig in die Welt zu blicken. Ob es am schlechten Image liegt? Natürlich nicht! Ihr Ausdruck hat nichts mit ihrer Gemütsverfassung zu tun, sondern ist durch ihren Körperbau bedingt. Die beiden röhrenförmigen Fortsätze sind die Eingänge zu den Nasenöffnungen. Weit aufgerissenes Maul, spitze Zähne … die meisten Betrachter werden wohl aggressives Drohverhalten der Riesenmuräne rechts vermuten. Das ist aber falsch. Das regelmäßige Öffnen und Schließen ihres Maules ist keine Drohgebärde, sondern die Atembewegung der Muränen.

Missverständnis Nr. 1: „Die Muräne hat mich angedroht.“ Das Öffnen und Schließen ihrer Mundöffnung gibt den Blick auf das eindrucksvolle Gebiss frei und sieht tatsächlich bedrohlich aus. Das vermeintliche Drohverhalten ist aber nur die Atembewegung der Muräne. Im Gegensatz zu anderen Knochenfischen besitzen Muränen keinen Kiemendeckel, mit dem die Kiemen ventiliert werden können. Sie müssen daher durch regelmäßiges Öffnen und Schließen Wasser in die Mundhöhle aufnehmen, durch die Kiemen leiten und durch die beiden Kiemenöffnungen wieder ausstoßen.

Auch Korallenstöcke eignen sich als Quartier für Muränen. Die lang gestielten Polypen der Margeritenkoralle (Goniopora sp.) vermitteln den Eindruck einer Blumenwiese.

Missverständnis Nr. 2: „Muränen sind aggressiv.“ Auch das trifft in der Regel nicht zu. Von den vielen verschiedenen Muränenarten gibt es einige wenige, die beißfreudiger sind als andere. Aber auch diese beißen nur zu, wenn sie überrascht, in die Enge getrieben oder provoziert werden. 

Minutenlang verharrt die Netzmuräne im linken Bild bewegungslos in ihrem farbenprächtigen Unterwasser-Dom. Man könnte meinen, sie meditiert. Solch spezielle Körperhaltungen sind jedoch oft die Aufforderung an Putzerfische und Putzergarnelen, mit ihrem Werk zu beginnen. Diese reinigen dann Zähne, Rachen, Kiemen und Körper­oberfläche ihres Kunden. Das gefleckte Farbkleid der rechts abgebildeten Muränenart (Gymnothorax fimbriatus) macht dem Namen alle Ehre. Der Eingang zu ihrem Versteck im Riff ist von Scheibenanemonen und bunten Schwämmen umgeben.

Missverständnis Nr. 3: „Muränen sind giftig.“ Dafür gibt es keine Belege. Giftdrüsen wurden bei Muränen bis jetzt nicht nachgewiesen. Beim Biss kann jedoch Schleim oder Blut der Muräne in die Wunde eingetragen werden, wo sie unter Umständen toxische Wirkung haben können. Dasselbe gilt für Nahrungsreste zwischen den Zähnen der Muräne, eine Infektion der Bisswunde kann die ­Folge sein.

Die Riesenmuräne links ist gerade dabei, das aufgenommene Wasser durch ihre Kiemen zu pressen. Dabei wird Sauerstoff zur Atmung aufgenommen. Anschließend wird das Atemwasser durch die seitliche Kiemenöffnung ausgestoßen. Ebony and ivory – an diesen schönen Song von Paul McCartney erinnert die Harmonie der beiden Muränen rechts. Auch die kleinen roten Fahnenbarsche wissen, dass die beiden Raubfische momentan nicht in Jagdstimmung sind.

Missverständnis Nr. 4: „Muränen sind Streicheltiere.“ Dies ist das andere Extrem und trifft natürlich auch nicht zu. Kein Fisch ist ein Streicheltier. Man sollte Fische prinzipiell als Taucher und Schnorchler nicht berühren oder füttern. Man tut den Fischen damit nichts Gutes und kann außerdem gestochen, gebissen oder geschnitten werden.

Abb. rechts: Zwei der größten Muränenarten in friedlicher Eintracht. Die braune Riesenmuräne (Gymnothorax javanicus) und die Große Netzmuräne (Gymnothorax favagineus) betrachten gemeinsam den Fotografen. Die charakteristischen Merkmale der Muränen sind schuppenlose Haut, fehlender Kiemendeckel, fehlende Brust- und Bauchflossen und eine weit vorne ansetzende Rückenflosse, die bis zur Schwanzflosse reicht. Die Mundöffnung ist groß und mit zahlreichen spitzen Zähnen versehen. Die Weißmaulmuräne (Gymnothorax meleagris, Abb. rechts unten) ist zweifellos eine Schönheit. Sattes Braun mit weißen Punkten, bernsteinfarbene Augen sowie Zähne und Mundhöhle in strahlendem Weiß sind eine Klasse für sich.

Tipps für Schnorchler und Taucher 
Beim Umgang mit Muränen gilt dasselbe wie generell unter Wasser: Man sollte nicht als Eroberer, Plünderer und Zerstörer auftreten. Wer immer noch Steinzeit-Mentalität besitzt und Muränen eine Harpune in den Leib jagt, darf sich nicht wundern, wenn das Opfer sich wehrt. Wenn wir uns aber wie gern gesehene Gäste in einem fremden Wohnzimmer benehmen, die Einwohner respektieren und auf ihre Eigenheiten eingehen, dann werden wir durch interessante Beobachtungen und Interaktionen belohnt. Gerade Muränen sind für Unterwasser-Sportler besonders interessant, weil sie eine geringe Fluchtdistanz besitzen. Man kann nahe an sie herankommen und mit der Kamera formatfüllende Porträts schießen. Rasche, hektische Bewegungen sind dabei zu vermeiden, je ruhiger, desto besser. Sobald die Muräne beginnt, sich tiefer in ihr Versteck zurückzuziehen, sollte man sie in Ruhe lassen. Wird sie zu sehr in die Enge getrieben, gilt auch für sie: Angriff ist die beste Verteidigung. Taucher, die von Muränen gebissen wurden, haben fast immer einen dieser beiden Fehler gemacht: sich entweder im Riff fest­gehalten (was man aus Riffschutz-Gründen prinzipiell nicht machen sollte) oder Muränen gefüttert oder gestreichelt (es ist eine Frage der Zeit, bis dabei mal was schiefläuft). Es liegt an uns, solch unangepasstes Benehmen zu unterlassen. Wenn wir Muränen erst mal näher kennen­gelernt haben und über ihr Verhalten Bescheid wissen, dann können sie in unserer Favoritenliste der Meeres­fische von hässlichen Widerlingen in das Spitzenfeld aufsteigen.

Dieser Artikel erschien in OCEAN7 3/2008. Wissenschaftliche Artnamen wurden in dieser Online-Version aktualisiert und gemäß WoRMS (World Register of Marien Species) auf den letzten Stand gebracht.

Dr. Reinhard Kikinger ist Meeresbiologe, langjähriger Kursleiter an der Universität Wien, an Feldstationen im Mittelmeer und auf den Malediven und schreibt seit 2007 für ocean7.

Fotos: Dr. Reinhard Kikinger

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