Wer kennt das nicht: enge Boxengassen, Wind von der falschen Seite, unerfahrene Crew und jetzt noch die Muringleine aufnehmen und belegen … Gottfried Titzl Rieser über Fluch und Segen im Hafen.
Ich will anlegen, römisch-katholisch. Der letzte, etwas enge Platz an der Mole, Wind von Bb voraus, 5 bis 10 Knoten, nichts Aufregendes. Ich fahre die Parklücke an, bremse rechtzeitig ab, fahr’ rein, schieb’ dabei die Boote links und rechts etwas auseinander – und passt.
Da steht doch akkurat hinten an der Mole eine panisch dreinblickende Frau, die mir hektisch die Muring entgegenstreckt – genau in der Mitte der Lücke, achteraus, wo in zehn Sekunden meine Schraube sein wird. Ich gebe ihr Handzeichen, die Muring abzusenken, sie schreit mir zu: „Die Muring, nimmdademuring!“ Ich drauf: „Wart noch bitte, die Muring kommt ganz zum Schluss!“ Sie schaut völlig entgeistert und plärrt mir entgegen: „Nimmdademuring!“ Ich nehme sie nicht, bleibe ca. 1,5 Meter vor der Mole stehen, der ­Marinero nimmt meine Luv-Achterleine und belegt sie am Poller.
Der Herr vom Nachbarboot nimmt meine Lee-Leine entgegen. Ich: „Bitte um den Poller, mach’ einfach fest.“ Er schaut mich mitleidig an: „Nimm da erscht amoi de Muring“, tut nix und legt nach der dritten Aufforderung meine Leine um den Poller, um sie mir, anstatt festzumachen, mit einem belehrenden „Då håst, måch das glei auf slip“ zurückzugeben. Und weiter: „Und jetzt nimmdademuring!“ Darauf sie zu ihm: „Der sågt, Muring am Schluss, konsta des vurstöhn? Wo håt‘n dea gleant, der kau jo goanix!“

So eine Muringleine ist eine tolle Erfindung. Wer den Ankersalat in den Häfen Griechenlands und in der Türkei erlebt hat, kann dieses System nicht hoch genug schätzen. Eine Muringleine kann aber auch schneller in der Schiffsschraube sein, als man denkt.
Die Muringleine ist in der Regel mit ihrem Ende an einem Betonklotz oder an einer stärkeren, quer im Hafenbecken verlaufenden Kette (Mooringkette) befestigt, die auf dem Grund des Hafenbeckens aufgespannt ist. Sie besteht aus der Belegleine, diese ist massiv ausgeführt und wird an der Bugklampe der Yacht belegt. An der Belegleine ist die sogenannte Pilotleine eingeschoren oder verknotet, die wiederum an Land angeschlagen ist. Mit der Pilotleine wird die Muringleine angehoben, damit sie die Crew am Schiff aufnehmen kann. Durch das Anheben kann es nun passieren, dass die Leine unter den Rumpf kommt und damit in gefährlicher Nähe zur Schiffsschraube und zum Kiel läuft. Gründe dafür gibt es genug, sei es, dass die falsche Leine angehoben wird, dass der Wind die Yacht vertreibt, dass schlampig angehoben wird – und noch vieles mehr.
Kommt die Muringleine tatsächlich in die Schiffsschraube, dann sind grobe Schäden vorprogrammiert: Die Welle kann aus der Verankerung gerissen werden, sie kann einen Schlag bekommen, das Schiff ist manövrierunfähig und kann dadurch noch größere Kalamitäten auslösen. Am liebsten sind mir Häfen und Marinas, wo niemand die Muringleine hochhält und ich sie selbst aufnehmen kann …

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Gottfried Titzl Rieser ist Ausbildungs­­referent des Yacht Club Austria, passionierter Fahrtensegler und hat insgesamt so um die 20.000 See­­meilen in seinen Log­­büchern dokumentiert.
Seine Kolumne „Wissen und Meer“ in ocean7 steht unter dem Motto: „Die See ist der beste Lehrmeister!“

 

 

 

 

Fotos: Shutterstock, Gottfried Rieser

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