Over, Roger, Out | ocean7

Von Gottfried Titzl Rieser

„Funken ist veraltet, das macht man doch nicht mehr in Zeiten von Handy, E-Mails und Internet.“ Das oder Ähnliches höre ich immer wieder in Gesprächen mit Gleichgesinnten.

Tatsächlich, da ist schon was Wahres dran, die Zeit und die Technik bringen immer wieder neue Entwicklungen mit sich: Denken wir nur an die Seekarten, an die Positionsbestimmungen, an die Features auf un­se­ren Yachten. 
„Ich nehme mein Mobiltelefon und rufe in der Marina an, da habe ich meinen Platz reserviert und auch gleich im Restaurant die ­Ćevapčići bestellt!“
Auch richtig und voll praktisch, da möchte ich gar nichts dagegen sagen. Als gut vorbereiteter Skipper habe ich im Vorfeld die Adressenliste samt Kontaktdaten im Handy abgespeichert und bin dadurch up to date.

You’re on collision Course!
Beim Verfassen dieses Artikels höre ich im Radio (sinngemäß) folgende Meldung: „Blackout-Übung für Mitte November geplant – die Übung geht von der Annahme aus, dass es zu massiven Einschrän­kungen in der Stromerzeugung kommt. Die Telekommunikation bricht zusammen, die Koordinierung der Hilfsmaßnahmen wird über Funk aufgebaut.“
Aha, dachte ich mir, jetzt wird’s auch für mich als begeisterten ­Funker spannend.

An alle Skipper, Wachführer und Na-vigatoren auf den Yachten: Nehmt die Funksprechtaste in die Hand!

Aber schauen wir uns die Angelegenheit doch etwas genauer an:

Szenario 1: Es wird Abend, ich möchte mich in der Marina, im Hafen etc. anmelden. Ich nehme mein Mobiltelefon zur Hand und muss feststellen, dass kein Empfang vorhanden ist. Damit sind auch sämtliche Handys meiner Mitsegler, das Internet, die Versendung von E-Mails ziemlich auf Eis gelegt. Das ist ja noch die problemloseste Variante, denn bitte für die Ćevap­čići-Reservierung brauche ich nun wirklich kein Netz. Aber was ist, wenn ein Notfall eintritt?

Szenario 2: Herrlicher Vorwind-­Kurs, der Yugo baut eine lange Welle auf, auf dem Wellenkamm dreht das Heck nach Luv, ich schrei noch „Ducken!“ – doch zu spät, der Großbaum kommt über und erwischt einen Mitsegler breitseits am Kopf. Er blutet stark aus einer Platzwunde, kollabiert, dringende Hilfe ist angesagt. Ich greife zum Handy und muss feststellen, dass … siehe oben.

Szenario 3: Wir sind auf Clubtörn, fünf Yachten sind als Flotte unterwegs. Wir wollen uns für den Abend verabreden: Wo wollen wir anlegen? Wo ist wer? Wer braucht was? Mit dem Handy ist es schon etwas mühsam, weil ich als Flottillenverantwortlicher alle fünf Skipper durchrufen muss und wehe, es entsteht eine Diskussion (nein, in diese Bucht möchte ich nicht, da weiß ich ganz was Anderes, Besseres etc.).

Szenario 4: Die Crew segelt die Regatta, perfekt, wir sind gut unterwegs, wir hängen aber dann doch in der Flaute, auf einmal kommen uns die „Gegner“ entgegen, was ist da los? Haben wir was übersehen? Am Abend erfahren wir, die Regatta wurde für diesen Tag abgesagt, die Meldung wurde über den vereinbarten Kanal verlautbart.

Szenario 5: Ich segle bei Nacht durchs östliche Mittelmeer, Kurs Alexandria. Plötzlich knarrt es im Funkgerät, ich höre „Sailing Ship Adventure, please change your course five degrees to the west, you’re on collision course.“ Ich habe tatsächlich den neuen Kurs angelegt, nach einer Viertelstunde meldet sich die Funke wieder: „Thank you, Sir, fair winds!“

No Funk, no Fun!
Ich habe hier beispielsweise Szenarien beschrieben, die das Funken unerlässlich machen, und bin ­überzeugt, es gibt noch eine Reihe anderer Einsatzmöglichkeiten für dieses Sicherheits-Feature an Bord. 
Die Grundvoraussetzung für die Bedienung des Funkgeräts ist natürlich, dass ich es kann. Da hilft der kurze SRC-Kurs wenig, da lernt man zwar die Grundbegriffe, das war es aber schon. Funken lernt man durch üben, üben und nochmals üben. Ich empfehle allen Skippern, Wachführern und Navigato­ren auf den Yachten: Bitte nehmt die Sprechtaste in die Hand – ihr verliert die Scheu vorm Gerät.

Übrigens bietet ein namhafter Yacht Club in Österreich Funk­kurse als Weiterbildung an – Nachahmung empfohlen!

Gottfried Titzl Rieser ist Ausbildungsreferent des Yacht Club Austria. Er ist passionierter Fahrtensegler und hat insgesamt so um die 20.000 Seemeilen in seinen Logbüchern dokumentiert. Sein Motto: „Die See ist der beste Lehrmeister!

Fotos: Shutterstock, privat

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