Perikles | ocean7

Skipper’s Diaries von Thomas Pernsteiner

Ein großer Name für einen kleinen Jungen. Sooft er konnte, lief er den weiten Weg von Chora, dem Bergdorf und Hauptort der kleinen griechischen Insel, wo er mit seinen Eltern lebte, hinunter an den Strand, setzte sich in einer versteckten Bucht auf einen Felsen und blickte ganz einfach nur auf das Meer. An manchen Tagen glatt wie ein Spiegel, an anderen aufgewühlt und wild, entführte es seine Gedanken. Der Geruch von Salz, Jod und Algen, die Geräusche der Brandung ließen in Perikles den Wunsch immer mehr wachsen, eines Tages mit einem eigenen Boot in das unendliche Blau zu fahren.

Es war nach einem dieser schweren Stürme, als Perikles wieder seinen Platz in der Bucht aufsuchte. Irgendetwas war anders. Unmengen von Muscheln und Tang lagen am Strand, dazwischen fanden sich auch Reste von Tauen und Fischernetzen. In ­einem dieser Netze verstrickt entdeckte Perikles ein kleines, flauschiges Etwas. Immer wieder von den Wellen ins Wasser hinausgezogen und zurück an den Strand gespült gab eine kleine Jungmöwe nur mehr jämmerliches Piepsen von sich. 
Behutsam fischte Perikles das Netz aus dem Wasser und befreite das kleine Lebewesen von seinen Fesseln. Völlig durchnässt, zerzaust und verängstigt genoss der kleine Vogel die Wärme der Hände des Buben. „Ich werde dich Gláros nennen und du brauchst ganz dringend einen Platz, wo dich deine Eltern finden können“, sprach Perikles zu der kleinen Möwe, während er trockenes Gras sammelte und in einer Felsspalte zu einem Nest zusammenschob. 
Er setzte den protestierenden Gláros hinein und sie hielten den ganzen Nachmittag Ausschau nach einer Möwenmutter, die nach ihrem Jungen sucht. 

Die Sonne verschwand hinter dem nahen Kap und es war keine Hoffnung in Sicht. Perikles wusste, dass seine Eltern kein Verständnis haben würden, wenn er mit dem kleinen Gláros ins Haus kommen würde, und so beschloss er schweren Herzens, den Vogel alleine in seinem Felsennest zurückzulassen.

Noch vor dem ersten Morgengrauen erwachte Perikles in seinem Bett, gab seiner Mutter, die gerade Feuer im Ofen machte, einen Kuss und lief – nein flog – hinunter zum Meer. Das Wissen, dass es auf der Insel Katzen und auch andere Raubtiere gab, pochte in seinem Herzen. Kaum erreichte er die Bucht, konnte man den Stein, der ihm vom Herzen fiel, förmlich ­hören, als er seinen Schützling unversehrt in seinem Nest vorfand.
Rasch öffnete er ein paar der Muscheln, die noch immer in Mengen am Strand zu finden waren, und ­fütterte Gláros, der sie hungrig hi­nunterschlang. Mit vollem Bauch schloss die kleine Möwe ihre Augen und erfreute sich daran, wie Perikles sanft über ihren Federnflaum strich. Der Tag neigte sich zu Ende und ­Perikles wusste, dass er zu Hause ­erwartet wurde. „Ich fürchte, deine Eltern werden dich nicht finden“, murmelte Perikles, „aber wir beide werden das schon meistern.“ 

Das Behelfsnest für Gláros an einen nahezu unzugänglichen und nur für besonders wage­­mutige Kletterer wie Perikles
anderen Platz zu bringen war eine Sache von wenigen Minuten. Die strampelnde Jung­möwe dorthin zu bringen dauerte schon etwas länger, doch schlussendlich verabschiedete der Junge sich flüsternd: „Sei leise, während ich nicht da bin. Wir sehen uns gleich morgen früh und ich bringe dir ein besonderes Frühstück mit.“

Der Himmel färbte sich vorsichtig rosa, als Perikles am nächsten Morgen erneut Richtung Meer lief. In seinem Rücken spürte er das Stirnrunzeln und Kopfschütteln seiner Mutter, die ihren Sohn – sonst ein Langschläfer – nicht wiedererkannte.
Bevor er den Weg zur Bucht nahm, rannte Perikles noch zum ­alten Fischerhafen. „Was macht ihr eigentlich mit den kleinen Fischen in den Netzen, die man nicht verkaufen kann?“, fragte er völlig außer Atem die Fischer, die plaudernd an der Hafenmole beisammenstanden. „Wir werfen sie zurück ins Meer, wo sie dann von anderen Fischen gefressen werden oder wir füttern mit ihnen die Möwen“, lautete die Antwort. Den treuherzigen Blick beherrschte Perikles wie kein anderer und so konnte er sich nach kurzer Zeit mit Hosentaschen, prall gefüllt mit kleinen Fischen, auf den Weg zu Gláros machen.

Die magische Liebe zum Meer
Die Möwe war wirklich mucksmäuschenstill hoch oben in ihrem Nest und erst als sie ihren Retter erblickte, gab sie ein Piepsen von sich. Perikles musste lachen, als sie nach der Begrüßung sofort ihren Schnabel um Futter bettelnd weit aufriss. „Zuerst bringe ich dich hinunter, dann gibt es Futter und wir können wieder den ganzen Tag zusammen verbringen“, erklärte er dem Tier. 
Nachdem alle mitgebrachten Fische ihren Weg in einen gefräßigen Schnabel gefunden hatten, begann Gláros die kleine Bucht zu erkunden. Das Schwimmen im ­ruhigen Wasser klappte ganz gut. Das Laufen am Strand war noch zu üben. Zum Fliegen fehlten jedoch die richtigen Federn. Am liebsten zupfte die kleine Möwe aber mit ihrem Schnabel in den Haaren des liegenden Perikles und danach genoss sie an seiner Seite die warme Sonne.

So vergingen die Tage und Wochen und aus Gláros wurde ein ansehnlicher Vogel mit schnee­­weißem Federkleid. Eines Tages, Perikles kam wieder mit dem üblichen Fischfrühstück in die kleine Bucht, streckte Gláros seine ­Flügel hoch oben in seinem Nest und segelte – noch ein bisschen unsicher – hinunter zu seinem Retter. „Jetzt bist du schon fast erwachsen“, dachte Perikles bei sich und spürte, dass die Zeit des Abschieds nahe war. 
Genau in diesem Augenblick flog ein großer Möwenschwarm, einem Fischerboot auf dem Weg in den Hafen hinterherfliegend, kreischend vorbei. Seinem Instinkt folgend machte Gláros ein paar schnelle Schritte, schlug mit seinen Flügeln und folgte seinen Art­­genossen.

Aus Perikles wurde ein junger Mann und er konnte sich seinen sehnlichsten Wunsch erfüllen: Er erwarb das Boot eines alten Fischers und fuhr fast täglich hinaus aufs Meer, um sein Netz auszubringen. Auf seinem Heimweg wurde er immer von einem Möwenschwarm begleitet und manchmal glaubte er, Gláros mitten darin zu erkennen.

Seit Perikles‘ Zeiten gibt es die Legende, dass in so mancher Möwe die Seele eines auf See verstorbenen Seemanns weiterlebt.

Eines Tages, es war drückend schwül und das Meer spiegelglatt, fuhr Perikles mit seinem Fischerboot wie immer zu seinen Fanggründen. Binnen Minuten verfärbte sich der Himmel gelblich, dann tiefschwarz und ein Gewitter brach mit aller Gewalt los. Gelbe und rote Blitze, begleitet von ohrenbetäubendem Donner, zuckten aus den pechschwarzen Wolken. Die See, soeben noch ganz ruhig, türmte sich zu gewaltigen Wellen. Perikles versuchte, sich in seinem Boot irgendwie festzuhalten, aber ein riesiger Brecher spülte ihn von Bord. Diesen Kampf mit den Elementen konnte der Fischer nicht gewinnen. Nach kurzer Zeit erlahmten seine Kräfte und er versank in der Tiefe.
Dennoch fühlte sich Perikles ganz leicht. Ungläubig sah er seinem Körper zu, wie dieser immer tiefer sank und gleichzeitig spürte er, wie er langsam nach oben schwebte. Er durchbrach die Wasseroberfläche und stieg immer höher. An sich hinunter­­blickend bemerkte er, dass er mit weißen Federn bedeckt war und sich seine Arme in Schwingen verwandelt hatten. „Hallo Perikles“, hörte er eine Stimme neben sich. „Ich habe dich niemals vergessen“, rief Gláros, der plötzlich neben ihm aufgetaucht war. „Du musst nämlich wissen: Wir Möwen haben die magische Kraft, Menschen mit einer besonders innigen Liebe zum Meer in einen von uns zu verwandeln“, sagte die Möwe.

Seit diesem Tag gibt es die Legende, dass in so mancher Möwe die Seele ­eines auf  See verstorbenen Seemanns weiterlebt.

Thomas Pernsteiner ist Skipper, allgemein beeideter und gerichtlich zertifizierter Sachverständiger für Schifffahrt und Wasserfahrzeuge.

Fotos: ForGaby/Shutterstock, Muratart/Shutterstock, privat

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