Seeigel | ocean7

Ein stachelbewehrter Seeigel genau dort, wo in der nächsten Sekunde unser Fuß aufsetzen wird, das ist der Inbegriff eines missglückten Badevergnügens. Seeigel haben aber auch eine andere Seite – ihre Schalen sind von unvergleichlicher Ästhetik und Symmetrie.  

Seeigel zählen zu jenen Tierarten, die große Populationsschwankungen durchmachen. Sie können über Jahre hinweg zahlenmäßig beständig zunehmen und durch steigenden Fraßdruck ganze Unterwasserlandschaften kahlfressen. Meistens dezimieren Krankheiten nach einiger Zeit den Seeigelbestand, sodass schließlich die Algenbestände wieder regenerieren können. 

Persönliche Erfahrungen mit Seeigeln sind oft schmerzlicher Natur. Ein unbedachter Schritt beim Betreten oder Verlassen des Meeres, und schon signalisiert ein stechender Schmerz in der Fußsohle einen bösen Fehltritt. Spitze Stacheln eines Seeigels haben sich durch die Haut gebohrt, sind abgebrochen und sind nun für längere Zeit ein unerwünschtes Andenken an den letzten Aufenthalt am Meer.
Nach solchen Erfahrungen bleiben Seeigel natürlich in unangenehmer Erinnerung. Aber sie haben mehr zu bieten als schmerzende Verletzungen. Sie besitzen Schalen mit phantastischer Symmetrie, ihr Kauapparat ist nach einem berühmten griechischen Philosophen benannt und wir finden sie in den unterschiedlichsten Lebensräumen des Meeres.

Der Violette Seeigel (Sphaerechinus granularis, Abb. links) besitzt violette Stacheln, deren Spitzen meistens weiß sind. Er kommt aber auch in reinweißen, braunen oder rötlichen Varianten vor. Felsböden und seegrasbestandene Sandböden des Mittelmeeres sind seine bevorzugten Lebensräume. Seine große Schale eignet sich besonders gut für attraktive Präparate. Der Giftige Lederseeigel (Asthenosoma varium, Abb. rechts) besitzt nur wenige große Stacheln, aber viele kurze Stacheln mit stecknadelgroßen, giftgefüllten Blasen am Ende. Die helle Platte ist ein der „Tarnung“ dienender Schalenrest eines anderen Seeigels. Asthenosoma ist ausgesprochen giftig. Es gilt also auch hier die goldene Unterwasser-Regel: betrachten und fotografieren: ja, berühren: nein. 

Verwandtschaft und Anatomie
Seeigel zählen zum Tierstamm der Echinodermata, das sind die Stachelhäuter. Verwandte der Seeigel sind die Seesterne, Seegurken, Schlangensterne und Haarsterne. Alle sind ausschließlich marin. Den Namen Stachelhäuter verdanken sie ihrer Ausstattung mit speziellen Skelettelementen aus Kalzit. Seeigel mit lanzettartigen Stacheln sind vor allem auf Hartböden wie Felsküsten und Korallenriffen zu finden. Sie besitzen eine fünfstrahlig radiärsymmetrische Schale. Diese ist aus zahlreichen kleinen Kalkplättchen aufgebaut, auf ihnen sind die Stacheln gelenkig befestigt.

Die mächtigen Stacheln des Griffelseeigels (Heterocentrotus mamillatus) sind glatt und haben einen dreieckigen Querschnitt. Sie können fingerdick werden und wurden früher als Schreibgriffel verwendet. Auch dieser Seeigel ist nachtaktiv und hält sich tagsüber in Kleinhöhlen und Spalten versteckt. Das abgebildete Exemplar wurde bei Bauarbeiten im Korallenriff freigelegt.

Zusätzlich verfügen diese Seeigel über Saugfüßchen, mit denen sie sich am Untergrund anheften können. Diese Füßchen werden auch zum Festhalten von Seegrasblättern, Schalenresten oder ähnlichen Fundstücken verwendet, mit denen sich manche Seeigel „tarnen“. Zur Verteidigung dienen ihnen zangenförmige Organe, die auf beweglichen Stielen sitzen und ähnlich wie ein Vogelschnabel zwicken können. Diese Pedicellarien genannten Werkzeuge sind bei einigen Arten mit Giftblasen ausgestattet, sodass deren Biss auch für Menschen sehr unangenehm sein kann.

Der Lanzenseeigel (Phyllacanthus imperialis) hat eine faustgroße Schale und drehrunde, dicke, längsgeriffelte Stacheln. Damit verspreizt er sich tagsüber in Riffspalten und ist dadurch vor tagaktiven Fressfeinden gut geschützt.

Behandlung nach dem Stich
Die empfohlenen und angewandten Methoden sind lokal unterschiedlich. Man kann versuchen, die abgebrochenen Stacheln mit Pinzette oder Heftpflastern herauszuziehen. Bei kleinen Verletzungen kann auf die allmähliche Auflösung der Stacheln gesetzt werden. Um die Auflösung zu beschleunigen, können die Stacheln durch Reiben mit einem Stein oder Holz zerbrochen werden. Einheimische haben lokal zusätzliche Anwendungen entwickelt, die vom Auftragen des Saftes unreifer Papayafrüchte bis zur Applikation spezieller Fischpasten reichen. In schweren Fällen wird die operative Entfernung nötig sein. 

Die fünfstrahlige Radiärsymmetrie ist bei dieser Schale von Arbacia lixula (Schwarzer Seeigel) gut erkennbar (Abb. links). Auf den Höckern saßen die Primärstacheln, die große Öffnung im Zentrum entstand durch den Zerfall des weichhäutigen Analfeldes. Der Kleine Herzigel (Echinocardium cordatum, Abb. rechts) ist nur ausnahmsweise an der Sandoberfläche zu sehen. Mit seinen spatelförmigen Stacheln gräbt er sich durch das Sediment und hält durch selbstgebaute Kanäle Kontakt zur Oberfläche.

Einige Seeigelfamilien (Echinothuriidae und Diadematidae) haben hohle Stacheln, die mit einer giftigen Flüssigkeit gefüllt sind. Brechen diese Stacheln ab, entleert sich ihr flüssiger Inhalt in das umgebende Gewebe und führt zu intensiven Schmerzen. Die Einstichstelle verfärbt sich und schwillt an, zusätzlich können auch unregelmäßiger Puls und Lähmungserscheinungen auftreten. Häufig wird empfohlen, die gestochene Stelle in sehr heißes Wasser zu halten, um die giftigen Eiweißverbindungen zu denaturieren. Die Schmerzen klingen innerhalb einiger Stunden ab, andere Symptome können jedoch länger andauern. Ärztliche Hilfe sollte in schweren Fällen oder bei allergischen Reaktionen unbedingt in Anspruch genommen werden. 


Eine Seitenansicht, der Blick auf die Mundseite, eine Darstellung der Laterne und ein Ausschnitt der Oberfläche zeigen Details aus dem faszinierenden Körperbau der Seeigel. Die Abbildung stammt aus Richmond, M.D. (ed.) 2002. A Field Guide to the Seashores of Eastern Africa and the Western Indian Ocean Islands.

Laterne des Aristoteles
Seeigel, die Felsböden und Korallenriffe bewohnen, ernähren sich hauptsächlich von Algen. Diese werden mit fünf Zähnen vom Untergrund abgeschabt. Die fünf bandartigen Zähne sind in einem komplizierten Gebilde angeordnet, das in seiner äußeren Form an eine Laterne erinnert. Form und Funktion dieses Kauapparates wurden erstmals von Aristoteles beschrieben. Neben seinen zahlreichen philosophischen und naturwissenschaftlichen Leistungen hat ihn auch die Beschreibung dieser „Laterne des Aristoteles“ unsterblich gemacht. Aber nicht alle Seeigel be­­sitzen diese Laterne. Sie ist nur nützlich, wenn man sich schabend von Algen ernährt, die auf hartem Untergrund wachsen. Viele Seeigelarten kommen aber auf  Weichböden vor, vor allem in submarinen Sanden.

Seegrasblätter werden von den langgestielten, dünnen Füßchen des Seeigels festgehalten. Ob dieses Verhalten tatsächlich der Tarnung dient, ist ungewiß (Violetter Seeigel, Sphaerechinus granularis).

Im Untergrund daheim
Sie führen ein verstecktes Leben, sehen anders aus als ihre spitz-bestachelten Verwandten und bevorzugen eine andere Kost. Die Rede ist von Seeigeln, die im Sand vergraben leben. Sie sind bilateral symmetrisch und besitzen spatelförmige Grabstacheln. Ihre Nahrung besteht aus organischen Partikeln und der Kleinfauna zwischen den Sandkörnern. Sie haben sehr dünne Schalen, deren Umriss ihnen oft die populär-wissenschaftlichen Namen gibt. Herzseeigel erinnern tatsächlich an eine Herzform, „Sand Dollars“ sind abgeflacht und münzenförmig. Man bekommt sie nur selten lebend zu sehen. Am ehesten findet man ihre leeren Schalen, die durch Wellenschlag aus dem Sand gespült und an das Ufer geschwemmt wurden. Diese Schalen sind ein schönes, ökologisch unbedenkliches, aber sehr zerbrechliches Souvenir. Wer es schafft, so ein delikates Stück unversehrt nach Hause zu bringen, kann sich viele Jahre lang an seiner zarten Schönheit erfreuen.    


Der Bohrende Riffseeigel (Echinostrephus aciculatus) schabt und bohrt eine Vertiefung in den Korallenkalk, die ihm als permanenter Sitzplatz dient. Als Nahrung verwendet er vorbeidriftendes partikuläres Material, das er mit seinen langen Stacheln aus der Strömung fischt.

Dr. Reinhard Kikinger ist Meeresbiologe, langjähriger Kursleiter an der Universität Wien, an Feldstationen im Mittelmeer und auf den Malediven und schreibt seit 2007 für ocean7.

Fotos: Dr. Reinhard Kikinger

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