Die Zeit der einfachen Segelhelden? | ocean7

Von Dr. Bobby Schenk

Man muss dieser Tage schon etwas Besonderes bieten, will man zukünftige Blauwassersegler – und Träumer – ins Cockpit einer solchen Veranstaltung locken. Und man muss sich damit abfinden, dass Weltumsegelungen nicht mehr die Sensation sind, wie sie z. B. zu Wolfgang Hausners Zeiten noch waren. 

Andererseits gibt es heute ein Vielfaches an Rund-um-die-Welt-Aspiranten. Und sie wollen, auch in Google-Zeiten, ­Informationen aus erster, besser noch aus allererster Hand. Deshalb habe ich auch mein letztes Blau­wasserseminar auf der INTERBOOT am Bodensee mit klangvollen Namen ausgestattet. Nicht weniger als sieben Weltumsegler, darunter ein Segel-Olympiasieger und zwei Kap Horniers, hatte ich aufgeboten, die von ihren Unternehmungen berichteten. Doch die Zeit der Segelhelden ist vorbei – sachliche Informationen stehen heute im Vordergrund!

Fakten sind das neue Abenteuer
Aus zahlreichen Rückmeldungen habe ich gelernt, dass für Segler, die sich auf ein großes Unternehmen (ja, das ist eine Blauwasserfahrt über Ozeane für die Träumer immer noch) vorbereiten, Erzählungen wie „Es wird Zeit zu reffen“ oder „Luken dicht wegen Piraten“ uninteressant geworden sind. Der zukünftige Ozeansegler möchte ­keine heldenhaften Stories wie das erfolgreiche Abreiten eines Sturms erzählt bekommen, er will hören und lernen, wie man sich auf den Sturm vorbereiten kann.
Michael Menard von Blue-2 weiß das. Seine absolut realitätsnahen Manöversimulationen auf der großen Leinwand dienten dem Publikum nicht zur Show, sondern als fundiertes Wissen, wie man Hafenmanöver unter allen Windbedingungen sicher fahren kann. Bilder von „schönen Sonnenuntergängen“, liebe Leser, langweilen heute.

Ein typisches Bild gab einer der wenigen deutschen Segel-Olympiasieger, Dr. Ecke Diesch (Foto links), ab: Niemand wollte wissen, wie er mit seinem Bruder im FD seine Gegner aus aller Welt niederkämpfte. Ins Schwarze hat Ecke (segelte eine SWAN 74 um die Welt) getroffen, als er überraschend Erkenntnisse aus seinem Beruf als Zahnarzt weitergab. „Einmal Zahnputzen am Tag reicht – aber richtig“ oder „Ersatzprothese kostet nur 200 Euro“, oder er warnte vor Zahnärzten, die nach dem Motto „Jeder Zahn ist einem Implantat im Wege“ praktizieren könnten. Damit kann jeder zukünftige Blauwassersegler was anfangen.

Elektronikfachmann Hubert Ober, jedem Yachtie hierzu­lande als Elek­tronik-Papst bekannt, erklärte sehr praxisnah die verschiedenen Radare und zeigte die Möglichkeit einer Beratung aus der Ferne auf, wenn z. B. der Plotter zu flimmern beginnt. Chefarzt Prof. Dr. Tassani erläuterte, ob eine vorsorgliche Blinddarm-OP sinnvoll sei. Weltumsegler Dr. Klaus Schuback erklärte detailreich, wie viel auf seiner sündteuren Yacht kaputtgegangen ist – bis zum Mastbruch. Und dass ein Watermaker, so auch meine Meinung, unverzichtbar ist. 

Wohl am besten kam der Vortrag von Dr. Uli Ballhausen, ausnahmsweise kein Weltumsegler, an, der nach der Atlantiküberquerung den Unterschied zwischen seinen Erwartungen, ja auch Hoffnungen, und den späteren, manchmal auch bitteren Realitäten, die das Blauwasser­segeln so mit sich bringt, aufzeigte.

Dr. Paretzke, Uni-Professor und ­Katamaran-Weltumsegler, brachte ebenfalls praxisdurchdrungene Ratschläge: „Jeden Tag aufs Töpfchen!“ Banal, aber auch wertvoll, oder?

TV-Meteorologe Dr. Michael ­Sachweh konnte naturgemäß kaum Gegenmittel gegen die Naturgewalten aufzählen, die das Wetter so mit sich bringt. Aber seine dramatischen Aufnahmen von Wettermonstern („Eine Windhose ist der kleine ­Bruder des Tornados“) brachten wohl jeden Teilnehmer im ausgebuchten Seminar zu der Erkenntnis: „Katas­trophen musst du unbedingt vorbeugend ausweichen!“

Die Quintessenz des gesamten ­Seminars lautet deshalb: Einfach losfahren! Ich habe in meiner Bekanntschaft mehrere Kameraden, die sich penibel auf ihre Weltumsegelung vorbereiteten und sich mit kleinsten Details jahrelang abmühten – viele sind nicht einmal losgefahren. Und die, die leicht ablegten, wurden mit der Zeit so firm, dass sie ihre Weltumsegelung locker durchziehen konnten. Für Letztere war dies ­sicher nicht in den Wind ­gesprochen.

Bobby Schenk – Weltumsegler, Navigations-Experte und Buchautor. Foto: Gernot Weiler

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