Sicherheitsmuffel an Bord? | ocean7

Immer wieder erlebe und höre ich an Bord: „Geh bitte, jetzt, wo’s so schön bläst, muss ich den Life­­belt anziehen“ oder „Mein Gott, die Rettungsweste ist ja so unpraktisch“ und auch „Da schwitze ich doch so, muss das jetzt sein“, manchmal aber auch „Der immer mit seinem Sicherheitsvogel …“, beliebig fortsetzbar!

Eine kleine Geschichte darf ich vorausschicken: Wir sind auf der Überfahrt von Korfu nach Murter auf Höhe Otranto – wo die Adria eng, kabelig und unruhig wird. Der Wind frischt auf, um die 30, in den Böen immerhin 35 Knoten. Es ist stockfinster. Ich muss zum Mast, Probleme beim Lümmelbeschlag. Ich klariere Großbaum und Segel, da passiert es: Das Bug knallt in eine Welle, ich mache eine Rolle seitwärts über die Reling und hänge außenbords, mit einem Fuß und einer Hand kann ich mich gerade noch festklammern – mein Lifebelt hat mich an Bord gehalten.
Die Lehre aus dieser Geschichte: Gehe niemals bei Wellengang und Wind ohne Rettungsweste oder Lifebelt samt Lifeline aufs Vorschiff! Wir turnen gerne da herum, wir sind ja keine Weicheier, Warmduscher, was auch immer. Leider vergessen wir dabei, dass wir nur ein Leben und eine Gesundheit haben.

Es gibt verschiedene Rettungswesten, unterschieden wird nach Auslösefunktionen und Tragekomfort. Die Feststoffwesten sind zwar hinsichtlich Tragekomfort nicht sehr beliebt, aber funktionieren garantiert, wenn man ins Wasser fällt. Die aufblasbaren Rettungswesten sind viel komfortabler zu tragen, allerdings gibt es manchmal  Fehler beim Auslösemechanismus. Salz­­tabletten können bei Spritzwasser, z. B. bei Arbeiten am Vorschiff oder starker Luftfeuchtigkeit, ungewollt die Rettungsweste auslösen, UML-Systeme sind etwas sicherer, weil sie eine Art Papier als Auslöser haben und das Hammar-System löst überhaupt erst durch Wasserdruck aus.
Rettungswesten müssen unbedingt ohnmachtsicher sein, Schrittgurte, Blitzlichter und eine Sprayhood haben. Bei viel Wind ist die Gefahr des Ertrinkens gegeben, weil der Sprühnebel des Wassers eingeatmet wird. Wenn ein AIS-System an Bord installiert ist, dann kann auch die Rettungsweste mit AIS-Sender ausgerüstet werden. Der Lifebelt ist bei Automatik-Rettungswesten fixer Bestandteil. Moderne Rettungswesten sind vorgeformt, sodass durch Gurt und Rückenteil ein bestmöglicher Tragekomfort gegeben ist, da liegen auch die Preisunterschiede. 

Hinsichtlich Größe des Auftriebs gibt es unterschiedliche Zugänge. Für Erwachsene empfehle ich Westen ab 150 KN, je größer die Weste, desto schneller dreht sie den Überbordgegangen in die sichere Rückenlage. Allerdings ist eine große Weste auch unhandlich, man muss dann Luft über ein Mundstück ablassen. Der Lifebelt ist ein Brustgeschirr, ähnlich wie es Bergsteiger beim Klettern verwenden. Auch hier gibt es verschiedene Modelle, beim Kauf soll man darauf achten, dass ein Schrittgurt integriert ist.
Unabdingbarer Bestandteil dieser ganzen Sicherheitsthematik ist die Lifeline oder auch Sorgleine genannt. Die Lifeline hat zwei oder drei Sicherheitskarabiner, so ist gewährleistet, dass man beim Umhängen immer eingepickt bleibt. Nur Sicherheitskarabiner verhindern ein unabsichtliches Aushängen.


Rettungswesten gibt es viele, Leben hat man nur eines.

Im Mittelmeer und speziell in der Adria finden wir kaum Strecktaue auf der Charteryacht. Im Norden dagegen ist das Strecktau standardmäßig auf jeder Yacht angeschlagen – die wissen schon warum. Strecktaue sind flache Gurtbänder, die vom Heck bis ans Vorschiff angeschlagen werden. Ein Gurt hat gegenüber einer Leine den Vorteil, dass er flach an Deck liegt und die Gefahr des Stolperns oder Umknickens nicht sehr hoch ist.

Ich empfehle jedem Charter-Skipper eine eigene Rettungsweste. Die kann er sich nach seinen Bedürfnissen aussuchen, einstellen und verwenden. Der Yacht-Eigner hat sowieso sein eigenes Modell an Bord.

Ein Paar Strecktaue gehören in jede Skippertasche, stan­­d­­ardmäßig so um die zwölf Meter lang. Sollte die Länge nicht passen, kann man sie mit Leinen verlängern. 

Jeder verantwortungsvolle Skipper sollte ein Sicherheitstraining absolvieren – Angebote gibt es genug und man lernt dabei auch den richtigen Umgang mit den Rettungsmitteln.

Gottfried Titzl Rieser, langjähriger Ausbildungsreferent des YCA und seit 2022 Commodore des größten Yachtclubs Österreichs. Er ist passionierter Fahrtensegler und hat rund 25.000 Seemeilen in seinen Logbüchern dokumentiert. Sein Motto: „Die See ist der beste Lehrmeister!

Fotos: Yuliya Yesina/Shutterstock, privat

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