Eine gut gepflegte Segelyacht verliert den Mast. Die Kaskoversicherung, in die der Eigner jahrelang brav einbezahlt hat, deckt den entstandenen Schaden nicht. Wir sprachen über dieses Fall-Beispiel mit Friedrich Schöchl, dem Pionier für die Allgefahrendeckung im Yachtbereich.

Friedrich Schöchl: Die Beurteilung des besten Versicherungsangebotes ist schwierig, denn es kommt nicht nur auf die Höhe der Prämie, sondern ebenso natürlich auch auf das Wording der Bedingungen und last but not least auf das Verhalten des Versicherers im Schadenfall an. Leistungsträger und damit letztlich der, der den Schaden zu bezahlen hat, ist immer ein Versicherungskonzern, bei manchen auch gleichzeitig mehrere, was die Sache nicht unbedingt erleichtert.
Entscheidend aber ist, auf wessen Seite der Vermittler steht, der letztlich Ihre Interessen vertreten sollte. Wie das in der Praxis aussieht, möchte ich Ihnen mit folgendem ganz aktuellen Fall eines vom Versicherer abgelehnten Mastbruchs erläutern (in verkürzter Form, ähnliche Beispiele gibt es übrigens immer wieder auch mit Motorbooten):

Muss Rigg-Tausch alle 10 bis 15 Jahre wirklich sein?

Deckt die Kasko den Schaden, wenn der Mast bricht?
Der betroffene Eigner hatte sein gebrauchtes Schiff vor 15 Jahren in gutem Zustand gekauft, stets gepflegt und in gutem Zustand gehalten. Auch am Rigg waren keine äußeren Spuren von Beschädigungen erkennbar. Doch plötzlich riss die Unterwant und der Mast fiel. Der daraus folgende Schaden war erheblich. Das Schiff war „normal“ kaskoversichert. Ergo wurde der Schaden gemeldet und von einem Gutachter besichtigt. Der stellte deutliche „Alterungsspuren“ fest. Der Versicherer lehnte damit den Schaden ab.
Der Versicherer bezog sich dabei (gemäß seinen Bedingungen) auf den Ausschluss von sogenannten „Allmählichkeitsschäden“. Also Schäden, die durch Alterung – also Verschleiß, Materialermüdung, Rost, Oxidation u.d.gl. – entstehen, was soweit nachvollziehbar und zu Recht erfolgen kann. Problematisch wird die Sache, wenn dies auf das Rigg angewendet wird. Denn die Haltbarkeit des Riggs ist von außen für den normalen Nutzer nicht zu erkennen und zu beurteilen. Dies kann, wenn überhaupt, nur nachträglich von einem Gutachter erfolgen und ist im Falle einer „Allgefahrendeckung“ (Umkehr der Beweislast) als Schadensursache vom Versicherer auch entsprechend zu beweisen! Rigg-Hersteller gehen ganz allgemein davon aus, dass das Rigg etwa alle 10 bis 15 Jahre getauscht werden soll. Ein Gesetz oder sonstige Vorschriften gibt es dazu nicht! Der Eigner, der sein Schiff liebte und meinte, es stets nach bestem Wissen in Schuss gehalten zu haben und sich mit der „Allgefahrenversicherung“ gut versichert wähnte, war über seine Versicherung, an die er jahrelang brav seine Prämie bezahlt hatte, sehr verärgert.

Bei rigoroser Auslegung ist schnell einmal Fahrlässigkeit im Spiel.

Meine Sicht der Dinge: Allgefahrendeckung in Gefahr! Ablehnung des Mastbruch-Schadens trotz Allgefahrendeckung. Nicht alles was rechtens ist, ist auch richtig!
Und bevor jetzt gleich ein Shitstorm von den „Rechthabern“ ausbricht, die behaupten, das Recht steht nun einmal über allem und alles und was nicht verboten ist, ist eben erlaubt, möchte ich noch sagen, was ich damit meine: Ich darf zum besseren Verständnis etwas ausholen. Yacht-Pool wurde vor 45 Jahren gegründet – und zwar aus Ärger über Versicherungen. Als Mitglied der Familie Schöchl (Sunbeam) musste ich damals feststellen, dass die zu jener Zeit übliche Einzelgefahrendeckung in den Kaskobedingungen bei unseren Sunbeam-Kunden im Schadenfall immer wieder zu Frust und Ärger führte und geradezu Wasser auf den Mühlen des damals generell negativen Images der Versicherungen war.
Versicherungsverträge sind mitunter rechtlich nicht ganz einfache Verträge. Und bei den damals üblichen „Einzelgefahrendeckungen“ war es zwar rechtlich eindeutig und klar, dass nur das versichert war, was eben in diesen Verträgen als versicherte Risiken aufgezählt war. Nicht immer so eindeutig klar war dies allerdings den Versicherungsnehmern. Denn die konnten die Breite der möglichen Schäden gar nicht überblicken. Und wenn das Reißen von Segeln nicht aufgezählt war, dann waren eben Segel auch nicht versichert. Und wenn Feuer aufgezählt war, dann waren eben Schmorschäden (weil kein Feuer) nicht versichert. Und das alles war eben den Versicherten bei Vertragsabschluss nicht so klar. Im Übrigen auch nicht selten dem netten Versicherungs-Agenten, der sich ebenso um die übrigen Versicherungen seines Kunden kümmerte. Bis es zum Schaden kam und der Justitiar beiden erklärte, warum der eingetreten Schaden nicht versichert war.

Feuerschaden oder Schmorschaden? Mitunter ein entscheidendes Schadensdeckungsdetail.

Das ärgerte mich sehr!
Darum wollte ich auch mit Versicherungen nichts zu tun haben, schon des Images wegen. Denn ich sah hier mit Recht wiederholt das Gebot der Fairness verletzt. Ich wollte aber zumindest für unsere Kunden Abhilfe verschaffen. Also setzte ich mich hin und schrieb für unsere Kunden eigene Kasko-Bedingungen in auch für Laien verständlicher Form. Eine der wesentlichsten Klauseln war damals – vor 45 Jahren – die „revolutionäre“ Einführung der „Allgefahrendeckung“ in die Kaskobedingungen.
Diese Klausel wurde im Laufe der Jahre so gut wie von allen Versicherern – zumindest im deutschen Sprachraum – übernommen. Als ich die Allgefahrendeckung einführte, dachte ich, damit im Sinne der Klarheit und im Sinne der Versicherungsnehmer den Unfug unverständlicher Klauseln beseitigt zu haben. Und um weitere „Waffengleichheit“ im asymmetrischen Kräfteverhältnis zwischen Versicherungsnehmern und Versicherern zu schaffen, gründete ich Yacht-Pool.
Gedacht als einen „Pool der Versicherungsnehmer“ als wirtschaftliches Gegengewicht zu dem wirtschaftlich immer stärkeren Versicherer. Diese Konzeption wuchs schnell über den Kreis der Sunbeam-Kunden hinaus und Yacht-Pool entwickelte sich unbeabsichtigt – denn eigentlich wollte ich „etwas Gescheites“ machen und mit Versicherungen nichts zu tun zu haben – in einer Eigendynamik zu einem immer stärker werdenden Player im Bereich der Yachtversicherer.

Natürlich gibt es Fälle von Materialermüdungen und Wartungsvernachlässigungen, die man nicht dem Versicherer anlasten kann.

Ich glaubte, mit meiner „Allgefahrendeckung“ alle Probleme gelöst zu haben.
Auf breiter Front gesehen war das auch der Fall. Aber eben nicht für alle Fälle, wie der oben beschriebene Sachverhalt zeigt. Ein treffendes Beispiel, wie von manchen Versicherern durch interpretationsoffene „giftige Klauseln“ der Sinn der Allgefahrendeckung wieder ausgehebelt und damit die „Allgefahrendeckung“ zu einem Irrlicht gemacht wird. Natürlich gibt es Fälle von Materialermüdungen und Wartungsvernachlässigungen, die man nicht dem Versicherer anlasten kann und von der Deckung ausschließen muss – auch das ist eine Frage der Fairness. In diesem Fall gegenüber dem Versicherer.
Aber was fair ist, da scheiden sich offensichtlich die Geister von Anbieter zu Anbieter. Dass das Rigg alle zehn Jahre gewechselt werden sollte, ist im Allgemeinen lebensfremd und im Speziellen eine Frage des verwendeten Materials und der Beanspruchung des Schiffes. Bei einem Charterschiff anders als bei einem Binnenschiff im Salzkammergut. Und aufgrund der unterschiedlichen Qualitäten der Drahtseile und der unterschiedlichsten Beanspruchungen waren auch wir in all den Jahren mit einer Reihe von Mastbrüchen aller Art konfrontiert.
Ja, mitunter hätte man vielleicht auch in einigen Fällen Materialermüdung einwenden können. Es gab in all diesen Jahren allerdings keinen einzigen Fall, in dem von unserem Versicherer aus diesem Grund eine Schadensregulierung abgelehnt oder reduziert worden wäre. Und damit dies von unserem Versicherer nicht nur aus Goodwill erfolgt, sind in unseren Bedingungen auch Folgeschäden aus Materialermüdung und Konstruktionsfehlern ausdrücklich eingeschlossen!

Tausende Eigner segeln mit Yachten, deren Riggs älter als zehn Jahre sind. Sind alle fahrlässig unterwegs?

Der durchschnittliche Eigner ist nicht in der Lage, die Stabilität des Riggs zu beurteilen.
Es entspricht dem absoluten Normalverhalten, dass wahrscheinlich tausende Segelboote und Segelyachten auf allen Gewässern unterwegs sind, deren Riggs älter als zehn Jahre sind. Deshalb kann in diesem Fall übrigens auch in keinster Weise von grober Fahrlässigkeit gesprochen werden. Ja, es ist eine richtige Empfehlung, das Rigg immer zu überprüfen und je nach Beanspruchung auch in den genannten Zeiträumen ggf. zu wechseln, wenn dies notwendig erscheint. Denn es geht ja auch um die persönliche Sicherheit. Nicht immer fällt der Mast nämlich dorthin, wo niemand ist.
Das Rigg nicht ständig entsprechend zu kontrollieren mag vielleicht eine gewisse Fahrlässigkeit sein – aber dass eben genau diese versichert ist, davon sollte der Versicherungsnehmer ausgehen können.
Und dass bei rigoroser Betrachtung ein großer Teil der Schäden – wenn nicht der größte – unter Fahrlässigkeit eingeordnet werden könnte, sollte jedem erfahrenen Anbieter bekannt sein. Natürlich ist jeder Schadensfall für sich zu beurteilen. Und gerade deshalb ist es für den Versicherten wichtig, einen Vertreter seiner Anliegen zu haben, der sowohl in der Lage und vor allem Willens ist, seine Interessen gegenüber dem Versicherer zu vertreten. Da kann dann auch kommen, was man nicht will.

F. Schöchl: „Klar verständliche Klauseln schützen Versicherte vor bösen Überraschungen und Versicherungen vor Reputationsverlust.“

Und deshalb plädiere ich dafür, dass – wenn schon die Materialermüdung mit der ungeeigneten Methode der Nutzungszeit begründet wird – in den Bedingungen dann auch klar festgehalten sein sollte, dass z. B. Schäden durch Bruch von Verstagungen, die älter als zehn Jahre sind, nicht ersetzt werden. Das wäre fair, bewahrt die Versicherungsnehmer vor unerwarteten Überraschungen und Frust und den Versicherer vor Reputationsverlust. Das wichtigste Kapital eines Versicherers. Denn Versicherungsverträge sind zwar de jure ein Rechtsgeschäft, de facto aber vielmehr ein Vertrauensverhältnis.

Fotos: Yacht-Pool

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