Mit dem Welttag machen die Vereinten Nationen auf die Bedeutung der Meere als einzigartige Lebensquelle aufmerksam. Als Lungen der Erde, wichtige Quelle für Nahrung und Medizin und Teil der Biosphäre sind die Ozeane unverzichtbar für die Menschheit und jeden anderen Organismus auf der Erde. 

Mit 1. Jänner 2021 begann die „Dekade für Ozeanforschung“. Initiiert von den Vereinten Nationen, soll sie bis 2030 dazu führen, dass die Weltgemeinschaft mehr in die Meereswissenschaften investiert. Schließlich sind 71 Prozent der Erdoberfläche vom Ozean bedeckt, entsprechend groß ist sein Einfluss auf die Pufferung der globalen Erwärmung, auf ozeanische und atmosphärische Prozesse und damit auf die ­künftigen Lebens­bedingungen. Ein besseres Wissen über Ozeanphänomene ist eine der Voraussetzungen für das Verständnis der Entwicklungen auf unserem Planeten.

Meine Tauchpartnerin erscheint kurz auf einem Wellenberg, bevor sie im nächsten Wellental wieder verschwindet. Nach einem Tauchgang am Außenriff eines Atolls sind wir aufgetaucht und werden in das offene Meer verdriftet. Das nächste Festland in dieser Richtung ist Afrika, 2.500 Kilometer entfernt. Unser Tauchboot wird uns in einigen Minuten finden und aufnehmen. Bis dahin treiben wir im bodenlosen Blau des Indischen Ozeans, eine Woge nach der anderen hebt und senkt uns in majestätischer Regel–mäßigkeit. Das Meer zeigt sich sowohl in seiner horizontlosen Weite als auch in der kleinräumigen Oberflächen-struktur jeder Welle. Dazwischen ein Kosmos voller Rätsel, die es zu entdecken gilt.

Sieben Ziele wurden von den Vereinten Nationen für die Dekade der Ozeanforschung beschlossen. Der gemeinsame Überbau dieser Ziele ist eine nachhaltige Entwicklung, mit folgenden Attri­buten des Ozeans: sauber, gesund und widerstandsfähig, produktiv, ­voraussagbar, sicher, zugänglich, ­inspi­rierend. 
Diese sieben Punkte sind hier ­aufgelistet und mit Hintergrund­information versehen. Und mit ­Vorschlägen, wie jeder von uns zur Erreichung dieser Ziele beitragen kann und in welchen ocean7-Ausgaben (online erhältlich als e-Paper) bereits Artikel zu den jeweiligen Themenkreisen erschienen sind.

Ideale Bedingungen. Spiegelglattes Meer, beste Sicht und Sonnenschein. Bevor die Schnorchel-Tour beginnt ist ein ausführliches Briefing an Bord unbedingt erforderlich. Nur so sind sowohl die Sicherheit der Teilnehmer als auch der Schutz der Unterwasserwelt gewährleistet.

1. Ein sauberer Ozean 
Die Quellen der Verschmutzung ­sollen identifiziert, reduziert oder idealerweise entfernt werden. Zu ­diesem Punkt fallen jedem von uns zahlreiche persönliche Erlebnisse ein, sowohl positiver als auch negativer Natur. Neben dem anhaltenden Mülleintrag in das Meer sehen wir auch viele positive Entwicklungen wie Säuberungsaktionen an Stränden und auch unter Wasser wird von Tauchern Müll gesammelt. 
Am zielführendsten wäre natürlich dafür zu sorgen, dass der Müll erst gar nicht ins Meer gelangt, wo er an Küsten, in der Hochsee oder in den Tiefen des Ozeans landet. „Aus den Augen, aus dem Sinn“ gilt trotzdem nicht, weil Müll Ökosysteme schädigt und in Nahrungsketten gelangen kann. Was kann jeder von uns beitragen? Zum Beispiel indem wir die Frage stellen: wieso exportierte Österreich siebenhundert Tonnen Plastikmüll nach Malaysia, von denen hundert Tonnen kürzlich wieder zurückkamen? Neben diesem industriellen Mülltourismus sollten wir alle unseren Müll, von der leeren Zahnpasta-Tube bis zu verbrauchten Akkus, nicht in unserer Urlaubsdestination mit ungewisser Entsorgung hinterlassen, sondern mit nach Hause nehmen. 
In ocean7 2/2021 befasst sich der Beitrag „Die Plastikflut – ein neues Mare incognitum“ mit den Auswirkungen des marinen Mikroplastiks. „Albatros – ein mythischer Seevogel“ in ocean7 1/2020 beschreibt die tödlichen Folgen des Plastikmülls.

Willkommene Besucherin. Die Fische akzeptieren die Taucherin, die sich ruhig verhält und in den kleinen Schwarm aufgenommen wird (Langflossen-Fledermaus Fische, Platax teira).

2. Ein gesunder und widerstandsfähiger Ozean
Dafür müssen marine Ökosysteme verstanden, geschützt, verwaltet und wenn möglich wiederhergestellt werden. Dazu soll interdiszip­linäre Forschung auf globaler, regionaler und lokaler Ebene beitragen. Schon heute wissen wir, dass der ­Klimawandel durch Erwärmung, Versauerung und lokale Sauerstoff­­armut marine Ökosysteme schädigt. Ein dramatisches Beispiel ist der Niedergang vieler tropischer Korallenriffe. Globale Maßnahmen zur Reduzierung der Treibhausgas-Emissionen sind ein Gebot der Stunde. 
Was können wir im Urlaub am Meer beitragen, um marine Ökosysteme zu schonen? Vorschläge: wenn möglich umweltfreundlich an- und abreisen. Keine Souvenirs wie Muschel- oder Schneckenschalen kaufen, sie stammen aus Plünderungen tropischer Korallenriffe. Ankerschäden vermeiden, sie reißen tiefe Wunden in Korallen und Seegraswiesen. Das Meer nicht nur als Freizeitrevier sehen, sondern als Lebensraum mariner Organismen akzeptieren. 
Weitere Infos dazu in ocean7 3/2017 „Gruselkabinett der Souvenirs“ und in ocean7 5/2019 „Bereit für die Wahrheit? – Die Zukunft der Korallenriffe“.


Foto links: Hirnkoralle – der Name ist selbsterklärend. Auch sie leidet unter den steigenden Meerestemperaturen und ist durch Korallenbleiche bedroht (Platygyra sp.). Foto rechts: Spektakuläre Arten wie Mantas, Haie und Schildkröten garantieren immer Publikumserfolg. Das ist die perfekte Gelegenheit, um zusätzlich ökologisches Basiswissen über deren Lebensraum zu vermitteln.

3. Ein produktiver Ozean 
Das Meer ist eine der Hauptdestinationen der Tourismuswirtschaft. Es ist ein wichtiger Transportweg des Welthandels und es verfügt über submarine Lagerstätten fossiler Brennstoffe. In Zukunft werden Tiefsee-Bergbau und Energiegewinnung mit Offshore-Windrädern zunehmend genützt werden. Vor allem aber versorgt das Meer über drei Milliarden Menschen mit Nahrung. Nur mit nachhaltigen Strategien kann diese Fülle an Funktionen auf Dauer erhalten werden.
Dass die Nutzungsgrenzen vielfach bereits überschritten sind, können wir auch im Urlaub am Mittelmeer feststellen. Die Calamari in der Taverne sind meist Tiefkühlware aus Asien und nicht aus dem überfischten Mittelmeer. Müssen wir bei unserem Meeresaufenthalt wirklich auch selbst fischen, oft mit unselek­tivem Fangergebnis?
Müssen wir in den Tropen durch „Big Game fishing“ und „Night fishing“ wirklich die lokalen Fischbestände dezimieren? Können wir daheim durch unseren Speiseplan überfischte Arten schonen, indem wir z. B. statt Thunfisch köstlichen Karpfen aus Waldviertler Zucht verspeisen? Noch bietet das Meer kulinarische Köstlichkeiten, aber diese Ressourcen sind begrenzt. „Meeresfrüchte – Genuss und Biologie“ in ocean7 09-10/2009.

In dieser maledivischen Biostation wurden sowohl die deutsch- als auch die englischsprachigen meeresbiologischen Abendpräsentationen von den Touristen immer gut besucht. Die Kleinsten waren an den großen Stücken interessiert, wie etwa an dieser Rippe eines Pottwals (Foto links). Foto rechts: Eine Schulklasse der Nachbarinsel ist zu Besuch in der Biostation. Die Kinder bekommen Unterlagen über den Lebensraum Sandboden. Danach wird die Methode demonstriert, wie die mikroskopischen Sandlückenbewohner, Mesopsammon genannt, extrahiert werden. Dann folgt der Blick durch das Mikroskop und ungläubiges Staunen, wie vielfältig und spektakulär das Leben im scheinbar eintönigen Sandboden ist. Dasselbe Aha-Erlebnis rufen Planktonproben hervor, nicht nur bei Schulklassen, sondern auch bei den Gästen des Tourismus-Resorts. Solche Einblicke in verborgene Welten und deren ökologische Bedeutung können das Umweltverhalten nachhaltig ändern.

4. Ein voraussagbarer Ozean
Unsere Gesellschaft soll in die Lage versetzt werden, Änderungen ozea­nischer Systeme zu verstehen und darauf zu reagieren. Das soll durch  die Einbindung von NGOs und von wissenschaftlich engagierten, gebildeten Personen und Gruppen in die Erhebung, Verknüpfung und Vermittlung relevanter Daten erfolgen.
Zusammen mit den Fachwissenschaften kann „Citizen Science“, also die Beteiligung der Öffentlichkeit an wissenschaftlicher Forschung, zu besseren Erkenntnissen über das Meer führen. Das Interesse ist bei vielen Menschen groß. Biostationen und Meeresschulen bieten mit Exkursionen, Laboreinrichtungen und Präsen­tationen Einblicke in marine Ökosysteme und deren Systembedingungen. 
Beispiele in ocean7 03-04/2009 „Meeresbiologie am Katamaran“ und in ocean7 09-10/2010 „Segellust und Forscherdrang“. 

Dieser Manta wurde von Fischern getötet, um seine Flossen als Köder für den Fang von Tigerhaien zu verwenden. Denen werden ebenfalls die Flossen abgeschnitten, der Rest geht über Bord. Ein extremes Beispiel für nicht nachhaltige Nutzung -mariner Ressourcen für den „Genuss“ von Haifischflossen-Suppen.

5. Ein sicherer Ozean
Das Leben und die Lebensgrund­lagen von Insel- und Küstenbevölkerungen müssen geschützt werden. Der Meeresspiegel steigt durch das schmelzende Festlandeis und durch thermische Expansion des sich erwärmenden Meerwassers. Die Folge sind Erosion von Küsten, Versalzung von Süßwasserlinsen, absterbende Vegetation und Verlust von Lebensraum. 
Neben technischen Maßnahmen zur Erosionseindämmung wären natürliche Wellenbrecher der beste Schutz vor dieser Entwicklung. ­Gesunde Korallenriffe haben diese Wellenbrecher-Funktion lange erfüllt. Spätestens seit der Tsunami-Katastrophe im Jahr 2004 wurde auch der Wert der Mangroven als Küstenschutz zunehmend erkannt.
Mangroven wurden lange Zeit großflächig gerodet, um Shrimps-Farmen zu errichten. Zum Schutz von Korallenriffen können wir als Touristen durch umweltgerechtes Verhalten beitragen („don‘t touch anything during snorkeling and ­diving“). Indirekt können wir
auch Mangroven fördern, indem wir Her­kunft und Menge unseres Shrimps-Konsums hinterfragen. ocean7 3/2011 „Tourismus und Umwelt – eine ambivalente Beziehung“ und ocean7 5/2016 „El Niño und der Weiße Tod“.

Mit Tauchtourismus ist mit ikonischen Arten wie Mantas wesentlich mehr und nachhaltig Geld zu verdienen als damit,  sie zu töten.
Wenn auch Fischer von dieser Entwicklung profitieren, dann ist das eine Win-Win-Situation.

6. Ein zugänglicher Ozean
Der Zugang zu Daten, Informationen, Technologien und Innovationen soll offen und gleichberechtigt sein. Wissenschaftliche Forschung und innovative Technologien sollen die Meereswissenschaften mit den Bedürfnissen der Gesellschaft verbinden. Partnerschaften von Wissenschaftlern, Regierungen, akademischen Einrichtungen, Wirtschaft, Industrie und der Zivilgesellschaft werden zum besseren Schutz und Verständnis des Ozeans und seiner Ressourcen beitragen. 
Als Beispiel sei das globale Umwelt-Programm Copernicus der ESA (European Space Agency) ­genannt. Eine Flotte modernster Satelliten der Sentinel-Familie versorgt uns mit präzisen ozeanischen, atmosphärischen und terrestrischen Daten, die frei abrufbar sind unter https://scihub.copernicus.eu. ocean7 2/2019 „Klimawandel und Ozeane – Fakten, Schwindel und Prognosen“.

Das Schicksal dieser Baby-Meeresschildkröte liegt in unserer Hand: Verbauung von Niststränden, Desorien-tierung durch nächtliche Lichtverschmutzung, Verwechslung von Plastikmüll mit Nahrung, Ertrinken in Fischernetzen und an den Haken von Langleinen, Kollisionen mit Motorbooten. Die Erkenntnis dieser Zusammenhänge ist ein erster Schritt, die Vermeidung der Ursachen wäre der nächste. Vielleicht hilft die UN-Dekade für nachhaltige Meeresforschung auch bei der Erreichung dieser Ziele.

7. Ein inspirierender Ozean
In Kunst und Kultur gibt es wohl kaum einen Bereich der Natur, der inspirierender ist als das Meer. Seine Schönheit, Größe und Mächtigkeit sind überwältigend und für das menschliche Wohlergehen – abgesehen von seiner geophysikalischen Bedeutung – auch spirituell wichtig. Diese inspirierende Kraft wird nochmals verstärkt durch die Betrachtung der Meeresorganismen, von denen etliche von einem anderen Planeten zu sein scheinen.
In gewisser Hinsicht sind sie das ja auch: Tiefseeböden sind schlechter kartiert als die Mondoberfläche, der Wasserkörper der Tiefsee ist nahezu unerforscht. Schon ein Schnorchelgang im flachen Wasser eines intakten Riffdaches begeistert durch Vielfalt, Farben und Formen. Diese Wunder nicht zu vernichten ist in unserem eigenen ­Interesse. ocean7 04/2008 „Die Farben des Meeres“ und ocean7 04/2014 „Schätze aus Poseidons Reich“.

Zum Wohl der 7 weltmeere
Die nun angebrochene UN-Dekade für Meeresforschung konkretisiert die nachhaltige Nutzung der Ozeane, die als Ziel 14 der 17 SDGs (Sustainable Development Goals) von der internationalen Gemeinschaft formuliert wurde.  

Meine Vorschläge, wie wir in unserem Umfeld selbst zur Erreichung der genannten Ziele beitragen können, mögen da für einige Menschen übrigens trivial und naiv erscheinen. Ich kenne die Gegenargumente in der Klimadis­kussion („nützt nichts, solange in China, in Indien etc. … nichts passiert“). Aber ich halte es mit Václav Havel, dem ­Präsidenten der ehemaligen Tschechoslowakei, der sagte „Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass ­etwas gut ausgeht, sondern die ­Gewissheit, dass es Sinn macht, egal, wie es ausgeht“.

Meine Vorschläge, wie wir in unserem Umfeld selbst zur Erreichung der genannten Ziele beitragen können, mögen da für einige Menschen übrigens trivial und naiv erscheinen. Ich kenne die Gegenargumente in der Klimadis­kussion („nützt nichts, solange in China, in Indien etc. … nichts passiert“). Aber ich halte es mit Václav Havel, dem ­Präsidenten der ehemaligen Tschechoslowakei, der sagte „Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass ­etwas gut ausgeht, sondern die ­Gewissheit, dass es Sinn macht, egal, wie es ausgeht“.

www.oceandecade.org
https://scihub.copernicus.eu

Text: Dr. Reinhard Kikinger
Fotos: Lilly und Reinhard Kikinger

Dr. Reinhard Kikinger ist Meeresbiologe und langjähriger Kursleiter an der Universität Wien, an Feldstationen im Mittelmeer und auf den Malediven.

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