Seit einem Jahr führt Matthias Schmid, in Rio 2016 selbst noch Olympiateilnehmer, das Trainer- und Betreuerteam des Österreichischen Segel-Verbandes als Sportdirektor an. Der 39-jährige Wiener spricht über seine bisherige Amtszeit und blickt auf die Herausforderungen der Olympia-Verschiebung

Im März 2019 übernahm Matthias Schmid das Amt des OeSV-Sportdirektors von Georg Fundak. „Es war ein prompter, aber geregelter Wechsel“, erinnert sich der dreifache Olympiateilnehmer. „Ich hatte immer ein freundschaftliches Verhältnis zu Georg, er steht mir heute noch persönlich mit Rat zur Seite. Ich konnte mir von einem erfahrenen Mann viel abschauen und habe mir fest vorgenommen, all die vielen Dinge, die gut funktioniert haben, beizubehalten. Das ist uns im Großen und Ganzen gut geglückt, wir haben das Erfolgsrezept weiterführen können“. In seiner Amtszeit holten Benjamin Bildstein und David Hussl, die aufgrund ihrer konstant starken Leistungen mittlerweile die Führung in der 49er-Weltrangliste übernahmen, im Dezember den dritten Olympia-Quotenplatz für den OeSV. „Sie haben noch einmal einen Entwicklungssprung gemacht. Man sieht, dass die gute Arbeit weitergegangen ist. Ich freue mich persönlich für jeden Erfolg unserer Teams, leide aber auch mit den 470ern mit. Sie arbeiten unglaublich hart und professionell, konnten sich aber noch nicht belohnen.“ Sowohl David Bargehr/Lukas Mähr als auch Nikolaus Kampelmühler/Thomas Czajka verpassten bei den ersten beiden Möglichkeiten das Olympia-Nationenticket.

„Gemeinsam die richtigen Entscheidungen treffen“
Matthias Schmid, der 2014 mit Florian Reichstädter Vize-Europameister im 470er wurde, versuchte mit Beginn seiner neuen Tätigkeit auch eigene Fußabdrücke zu hinterlassen und hatte selbst viele Lernprozesse. „Ich bin eine eigene Persönlichkeit mit eigenen Ideen, daher wollte ich natürlich auch Dinge anders machen. Für das gesamte Team war das sicher eine Umstellung, es haben aber alle an einem Strang gezogen. Ich musste viel lernen und mich auch immer wieder anpassen. Mir ist es stets wichtig, Feedback bestmöglich umzusetzen“, erklärt der 39-Jährige, dem das Teamgefüge besonders am Herzen liegt. Der Sportdirektor befindet sich im ständigen Austausch mit den Trainern, Psychologen und dem Physiotherapeuten. „Das ist unsere Stärke, wir haben enorm viel Wissen und Kompetenz in unserem Betreuerstab. Wir diskutieren auch klassenübergreifend sehr viel. Mir ist bewusst, dass ich nicht selbst alles wissen und können muss. Wir wollen in Abstimmung mit den Athleten gemeinsam die richtigen Entscheidungen treffen“. 

Vor gut einem Jahr noch am Steuer des 470er gemeinsam mit Florian Reichstädter, lenkt Matthias Schmid aktuell die sportlichen Geschicke des OeSV-Nationalteams – auch durch stürmische Zeiten wie diese.

Individuelle Förderung wird fortgesetzt
Der Österreichische Segel-Verband setzt seit jeher auf individuelle Förderung – ein System, das Schmid als Ex-Profi selbst gut kennt. „Wir versuchen nicht den Menschen in ein System zu bekommen, sondern ein System zu haben, in dem wir das Beste aus jedem einzelnen Athleten herausholen können. Wir gehen mit individueller Unterstützung auf die Sportler ein. Das ist sehr spannend. Wir erwarten von den Athleten, dass sie dem Erfolg alles unterordnen. Und das muss der Verband bestmöglich vorleben. Ich habe von Georg Fundak gelernt, dass wir nicht planen sollen was möglich ist. Wir müssen schauen, wo wir hinwollen. Das Ziel ist eine Medaillenchance bei den Olympischen Spielen zu haben. Dafür gilt es den besten Weg zu finden. Das ist oft ein harter Weg, aber wir wollen ihn bis zur letzten Konsequenz fördern. Das ist notwendig, denn eine Medaille bekommt man nicht geschenkt“, zeigt Schmid die hohe Erwartungshaltung an sich selbst und das gesamte Team. Um die individuelle Betreuung noch besser fördern zu können, wurde der zweifache Olympia-Goldmedaillengewinner Roman Hagara vor einiger Zeit Teil des OeSV-Kollektivs. „Es freut mich sehr, dass wir Roman in unser Team bekommen haben. Das ist ein Glücksfall, mit ihm können wir ein noch breiteres Spektrum abdecken. Mit Romans absoluter Zielstrebigkeit und seinem totalen Fokus auf Medaillen kann er für die paar Prozent sorgen, die am Ende den Unterschied ausmachen. Auch wir beide haben unterschiedliche Herangehensweisen, verbinden aber stets das Gute und ergänzen uns dadurch. Ich habe schon in meiner aktiven Karriere gelernt, dass unterschiedliche Ideen zu einem deutlichen Mehrwert führen können. Wenn man unterschiedliches Wissen bündelt, profitiert wieder das gesamte Team“, so Schmid, der ab 2001 für 15 Jahre 470er segelte.

Für schwierige Situationen gerüstet
Durch die aufgrund der Coronavirus-Pandemie um ein Jahr auf 23. Juli bis 8. August 2021 verschobenen Olympischen Spiele in Tokio ist das gesamte OeSV-Team einmal mehr gefordert. Mit individuellen Trainingsplänen und zahlreichen Meetings per Video-Konferenz wurden für die Segler und Betreuer bereits unmittelbare Maßnahmen umgesetzt. „Wir sind froh über den erneuten Sommertermin, da wir uns seit Beginn der Olympia-Kampagne ganz spezifisch auf die zu dieser Jahreszeit meteorologischen Umstände eingestellt haben. Wir halten uns an alle Vorgaben, für uns bleibt aber das Hauptthema, was die Situation für unsere Trainingsmöglichkeiten bedeutet. Wir sind dahingehend in sehr gutem und konstruktivem Austausch mit den Fördergebern, Behörden und Partnern“, so Schmid, der das „Seglerleben“ als gute Schule für schwierige Situationen sieht: „Ob viel oder wenig Wind, wir müssen aus den Bedingungen immer das Beste machen. Wir werden auch diesmal die sich ergebenden Optionen bestmöglich nutzen. Der Countdown ist von 4 wieder auf 16 Monate hinaufgesprungen. In dieser Phase waren wir bereits, deswegen wissen wir genau, was zu tun ist. Auch wenn noch ein paar Fragen geklärt werden müssen. Es ist unsere Arbeit, sich auf alles vorzubereiten.“

Fotos: Tobias Stoerkle, OeSV

Diesen Artikel teilen