Wie die Seesterne ins Meer kamen | ocean7

Skipper’s Diaries von Thomas Pernsteiner

So wie jeden Abend schritt Poseidon, der Gott des Meeres, auf seinem Kontrollgang durch die Tiefen der Ozeane. Er besuchte die Riffe genauso wie die Tiefseegräben, schwamm durch die Tangwälder der Saragossasee und erfreute sich an den wellenumtosten Küsten. Er sprach mit seinen Untertanen und war stolz auf sein Reich. Doch tief in seinem Inneren spürte er, dass etwas noch fehlte.
Poseidon auf zur Ober­fläche, setzte sich auf einen kleinen Fels mitten im Meer und ­begann nachzudenken. Es gab ­Fische, Pflanzen, Muscheln und noch viele andere Lebewesen, die alle die Schönheit des Wassers ausmachten, und je mehr Poseidon grübelte, umso weniger fiel ihm ein, was noch zu verbessern wäre.

Plötzlich teilten sich die Wolken und das silberne Licht des Mondes, umspielt vom Glanz von Millionen von Sternen, glitzerte auf den Wellen. Verwundert erhob Poseidon sein Haupt und plötzlich erkannte er, was ihm gefehlt hatte, was er unter Wasser vermisste: die Sterne. Keiner seiner Untertanen hatte diese regelmäßige Form, es gab nichts Ähnliches in keinem der vielen Ozeane seines Reiches. Doch wie sollte er es anstellen, dass auch im Meer Sterne zu bewundern wären?

Sofort begab er sich zu Sokrates, den weisen Riffbarsch, der schon seit urdenklichen Zeiten eine Höhle im Außenriff bewohnte und schilderte ihm sein Problem. Nach langem Nachdenken sprach der große Fisch: „Ich weiß leider keine Lösung wie du Sterne ins Meer bekommen könntest, aber ich weiß, dass Andromeda, die Herrscherin über die Sterne, an ganz besonders windstillen Nächten, in denen das Meer glatt wie ein Spiegel ist, eine kleine Insel mitten im Meer aufsucht, um sich dort ihre langen blonden Haare zu kämmen. Vielleicht kennt sie eine Lösung.“

Andromedas Insel
Poseidon bedankte sich und beschloss, sich mit Andromeda zu treffen. Er musste gar nicht lange warten. Nach vier Tagen war eine dieser besonderen Nächte, in denen das Meer wie Glas aussah. Vorsichtig näherte sich unser Gott des Meeres der kleinen Insel und tatsächlich saß dort die Herrscherin über die Sterne und kämmte sich ihr Haar.
Mit der entsprechenden Ehrfurcht näherte sich Poseidon, stellte sich höflich vor und erzählte, was ihn bedrückte. Nachdem er seinen Kummer ausgesprochen hatte, schwiegen beide für eine Weile. 
Doch dann lächelte Andromeda und flüsterte zu Poseidon: „Weißt du eigentlich, dass jede Minute Hunderte von Sternen in den Tiefen des Himmels geboren werden? Ich denke, dass ich wohl ein paar für dich und dein Reich begeistern kann. Bleib du nur hier und warte ab, was passieren wird.“ Sie erhob sich und schwebte wieder in den Himmel.

Vom Himmel hoch
Poseidon brauchte gar nicht lange zu warten. Zuerst nur eine, später aber immer mehr – Sternschnuppen – wie bezaubernd sie ihre ­hellen Spuren am Himmel zeichneten. Und jede Sternschnuppe, die ins Meer fiel, verwandelte sich augenblicklich in einen Seestern. In braune, rote, gelbe, kleine und große Seesterne, so wie wir sie kennen. 
Selbst heute noch, wenn du in den Himmel siehst und eine Sternschnuppe ihren Weg ins Meer findet, wird ein neuer ­Seestern geboren.

Thomas Pernsteiner ist Skipper, allgemein beeideter und gerichtlich zertifizierter Sachverständiger für Schifffahrt und Wasserfahrzeuge.

Fotos: Shutterstock, privat

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