Wolfgang Hausners Steuersegel

Es war eine Weiterentwicklung einer Idee, die ich schon auf meinem ersten Kat Taboo in den späten 1960er-Jahren verwirklicht hatte. Später übernahm ich das System auf Taboo III.

Es ist im Prinzip eine winzige Fock, die auf windseitigen Achter­stag angeschlagen und mit einem Bambusrohr ausgebaumt wird. Von dem Bambusstab wird die Kraft über Blöcke auf die Verbindungsstange zwischen den beiden Pinnen übertragen.
Für das neue System verwendete ich jetzt allerdings ein Windsurf­segel, das aufgrund der größeren Fläche und durchgehenden Latten bedeutend mehr Kraft entwickelt. Deshalb kann ich es jetzt auch bei achterlichen Winden verwenden, was vorher nur begrenzt möglich war. Allerdings musste das leicht runde Vorliek begradigt werden, da es in meiner Version mit Stagreitern angeschlagen wird. Mit ­Hilfe eines Blockes am Achterstag wird das Segel hochgezogen. Der Block ist nur mit einem Prusik-Knoten an dem glatten Nirodrahtseil befestigt.

Der Prusik-Knoten.

Benannt ist dieser Klemmknoten nach Dr. Karl Prusik, dem österreichischen Musiker und Bergsteiger, der ihn 1931 erfand. Unter Belastung zieht sich dieser Knoten, auch Prusikschlinge genannt, zu und hält ohne zu rutschen. Bei Entlastung lockert er sich wieder. Ich habe ihn mit einem Kabelbinder arretiert, damit das nicht passieren kann.
Obwohl dieser Knoten hauptsächlich von Bergsteigern verwendet wird, um mittels zweier dieser Schlingen an einem Seil hochklettern zu können, sah ich keinen Grund, warum das nicht auch auf einer Nirowante funktionieren sollte. Allerdings fand ich raus, dass nicht jedes 5- oder 6-mm-Seil rutschfest ist, ich musste erst herumkramen, bis ich das geeignete Material fand. Danach konnte ich mich mit meinem ganzen Gewicht (72 kg) dranhängen, es hielt eisern.
So funktioniert es:
Auf einem raumen Kurs würde sich der Kat ohne Eingreifen immer höher in den Wind schrauben. Verkürzt man jetzt die Leine vom Steuersegel zu den Pinnen (man leitet also den Druck des Segels auf die Ruder um), gleichen sich bald die Kräfte aus und das Schiff hält den Kurs. Mit minimaler Veränderung der Leine lässt sich dann jeder Kurs steuern: von hart am Wind bis 30 ° von achtern. Platt vor dem Wind kann das natürlich nicht klappen, aber da fahre ich einen Schmetterling und der elektrische Autopilot kommt zum Einsatz. Auf Taboo III genügt eine leichte Brise von fünf Knoten, um den Kat problemlos mit dem Steuersegel am Kurs innerhalb von 5 ° zu halten.
Die Kraftübertragung vom Segel zu den Rudern.
Um nicht jedes Mal für eine Kurs­änderung zur Belegklampe auf der Verbindungsstange ins achter­liche Cockpit steigen zu müssen, habe ich einen der Blöcke nicht fix montiert, sondern mit einer Leine auf eine Winsch umgeleitet. So lässt sich eine Adjustierung, bei der es oft nur um einen Zentimeter geht, bequem im Cockpit durchführen.
Hart am Wind folgt der Kat der Brise und bei stärkerem Wind und Welle schräg von achtern, was den Autopiloten zum Ächzen und ­Stöhnen bringen würde, arbeitet das System besonders verlässlich. Auch verbraucht es keinen Strom, was heute im Zeitalter der Solarpa­nele kein Thema mehr ist, aber vor 40 Jahren sehr wohl eines war.

Das neue Steuersegel im Einsatz.

Auf einem rezenten Segeltörn über die Sulusee brach bei einem ­Manöver das letzte Glied der Steuerkette, die Radsteuerung fiel aus. Unter normalen Umständen hätte sich das doch als recht unangenehm erwiesen, weil ja auch der elektrische Radpilot nicht mehr einsatzfähig gewesen wäre. Es spielte aber keine Rolle, da das ­selbst gebaute Steuer­segel im Einsatz war.

Mehr über diesen Törn, bei dem wir ein Auslegerboot rammten, Einschüchterungsversuche mit Schusswaffen abwehrten und mit Ursula die Insel Ursula besuchten, lest ihr in der nächsten ocean7-Ausgabe 5/2019 (erscheint am 21. August 2019).

Das winzige Eiland Ursula ist ein Naturschutzgebiet für Wasserschildkröten.
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Wolfgang Hausner ist Weltumsegler, Schriftsteller und ocean7-Autor. Derzeit weilt er mit seiner Taboo III, einem 18-Meter-Katamaran, in Indonesien.
www.wolfgang-hausner.com

Fotos: Wolfgang Hausner

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