Wracks – neues Leben in alten Schiffen | ocean7

Kaum etwas regt die Fantasie von Schatzsuchern, Seeleuten und Tauchern mehr an als der Fund eines Wracks. Sofort stellen sich viele Fragen: Welches Schiff war das? Wann, warum und unter welchen Umständen ist es gesunken? Gab es Opfer und was hatte es geladen? Die geheimnisvolle Aura und die Stille der Unterwasserwelt tragen zusätzlich zur Faszination gesunkener Schiffe bei.

Dem aufmerksamen Betrachter eines Wracks wird noch viel mehr auffallen als nur seine Größe und Lage, sein Zustand und seine Fracht. Mit zunehmender Dauer seiner Ruhe auf dem Meeresgrund nimmt auch die Zahl an Meerestieren zu, die es besiedeln. Manche Wracks entwickeln sich zu so artenreichen Lebensräumen, dass sie manchmal als „künstliche Riffe“ bezeichnet werden. Was macht sie so attraktiv für Meeresbewohner?


Die Sichtung und Erkundung eines Wracks zählt zu den spannendsten Augenblicken eines Tauchganges. Der Vorstoß in das Innere eines Wracks erfordert hohes taucherisches Können. Perfekte Tarierung, Manövrieren auf engstem Raum, vorsichtige Bewegungen, ausreichender Luftvorrat und die Verwendung von Unterwasserlampen sind die wichtigsten Voraussetzungen. (Unbenanntes Wrack, Al Gobal Sogayer)

Begehrte Aufwuchsflächen. Die Meeresböden bestehen zum Großteil aus Sand- und Schlammflächen. Auf diesem mobilen Untergrund ist es schwierig bis unmöglich sich festzusetzen. Wracks bieten dagegen stabiles Hartsubstrat und werden daher gerne von Schwämmen, Hydrozoen, Hart- und Weichkorallen, Moostierchen, Manteltieren und anderen sessilen Organismen besiedelt. Diese Tiere können mit der Zeit alten Wracks zu ungeahnter Farbenpracht verhelfen.

Vor der Südspitze des Sinai, im Ras Mohammed Nationalpark, findet sich diese Muschelbank der anderen Art. Ein Berg von WC-Muscheln ist Indiz für die ehemalige Ladung des Wracks, das in der Nähe am Meeresgrund liegt. Diese Schalen sind begehrtes Aufwuchs Substrat für sessile Meerestiere. Stein-, Leder- und Weich-, Horn- und Feuerkorallen haben sich hier angesiedelt. Ein Krokodilsfisch (Papilloculiceps longiceps) nützt das Versteck unter einem Wrackteil und lauert auf Beute.

Dem Licht entgegen. Große Wracks können sich mit ihren Aufbauten über viele Meter vom Meeresgrund erheben. Das kann genügen, um lichtliebenden Arten einen geeigneten Lebensraum nahe genug der Wasseroberfläche zu bieten. Vor allem Steinkorallen benötigen viel Licht, weil sie in Symbiose mit Algen leben. Für deren Fotosynthese ist ein ausreichendes Lichtangebot unbedingt erforderlich.

Ein farbenfrohes Kriegsrelikt – das Wrack Thistlegorm, Länge 126 Meter , gesunken am 6. Oktober 1941, N27°48.890’, E33°55.288’, Tiefe 31 Meter, Ladung Militärmaterial. Das Geschützrohr wurde zum Lebensraum. Steinkorallen und eine Zackenauster verleihen ihm Farbe, Fische und Taucher umschwimmen es. Fahnenbarsche schwimmen um diesen Waggon, der sein Ziel nie erreicht hat. Er steht an Deck des Wracks, das für ihn zum Endbahnhof wurde. Der Bärtige Drachenkopf (Scorpaenopsis oxycephala) lauert unter dem Waggon auf Beute. Die Verstecke zwischen und unter den ehemaligen Kriegsgütern sind für ihn ideales Jagdgebiet.

Versteckplatz und Schlafgelegenheit. Viele Fische nützen das reiche Raumangebot in einem Wrack, um sich dort zu verstecken oder zu ruhen. Das Dämmerlicht im Inneren von Kabinen, von Fracht- und Maschinenräumen ist tagsüber ein idealer Ruheplatz für nachtaktive Fische. Von kleinen Glasfischen bis zu Muränen reicht das Spektrum von Fischarten, die Wracks auf diese Weise für sich nützen. Andererseits schätzen manche tagaktive Fische Wracks als nächtliche Schlafplätze. Papageifische verschwinden in Spalten und Ritzen, Kugelfische ruhen freiliegend auf allen möglichen Aufbauten.

Auf dem Deck dieses Schiffs zu wandern wäre schwierig, man käme nur kletternd vorwärts. Als Taucher dagegen schwebt man schwerelos über und durch die Aufbauten und bewundert diesen Zeugen aus der Vergangenheit. In der ehemaligen Werkstatt des Schiffes ist es finster, aber das Blitzlicht reicht aus, um eine große Bohrmaschine zu erkennen. Wer hier wohl einst gearbeitet hat? (Wrack Chrisoula, Länge 101 Meter, gesunken am 30. August 1981, Abu Nuhas, Tiefe 26 Meter, Ladung: italienische Fliesen)

Attraktives Jagdrevier. Der Fischreichtum in und um Wracks zieht Raubfische an, die hier reiche Beute finden. Im freien Wasser rund um das Wrack jagen Barrakudas und Stachelmakrelen. Im Inneren von Wracks liegen Skorpions­­fische auf Lauer, jagen Zackenbarsche und gehen Muränen auf ihre nächtlichen Jagdzüge. Aber nicht nur für Fische sind Wracks beliebte Jagdreviere. Auch Unterwasser-Fotografen kommen hier voll auf ihre Rechnung. Von der Weitwinkelaufnahme des Schiffsrumpfes bis zur Makroaufnahme winziger Details bietet das Wrack dem ambitionierten Taucher alles. Es ist also nicht verwunderlich, dass alte Schiffswracks mit ihrer geheimnisvollen Vergangenheit und ihrem prächtigen Aufwuchs zu den beliebtesten Tauchplätzen in allen Weltmeeren zählen.

Aus diesem Bullauge sieht niemand mehr hinaus, trotzdem ist die Aussicht fantastisch. Die zarten Kolonien der delikaten Weichkorallen (Dendronephtya sp.) nützen die strömungsgünstige Position zum Fang von Plankton, das ihnen als Nahrung dient. (Wrack „Excalibur“, Länge 35 Meter, gesunken am 15. Dezember 1985, Hurghada, Tiefe 20 Meter, Safarischiff)

Auswahl empfehlenswerter Wrack-Tauchgänge:
Rainbow Warrior (25 Meter, Bay of Islands, Neuseeland)
SS Thistlegorm (25 Meter, Shab Ali, Rotes Meer)
RMS Rhone (10 bis 15 Meter, British Virgin Islands)
Fujikawa Maru (15 bis 40 Meter, Truk Lagoon, Mikronesien)
Constellation (10 Meter, Bermudas)
SS Yongala (33 Meter, Townsville, Australien)

Fotos: Dr. Reinhard Kikinger

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