Unsere ocean woman-Kolumnistin Alexandra Schöler-Haring über die Macht und Pracht der Gezeiten in der ocean7-Ausgabe Nr. 6/2025. Hier ein digitaler Abdruck, mit herzlichem Dank an dieser Stelle an unseren aufmerksamen Leser T. David für die Richtigstellung des Erratums in dieser Kolumne: Der berühmte Hochseesegler Éric Tabarly ging nicht 1981, sondern 1998 von uns.
Auf unserer Weltumsegelung lernten wir Segler aus vielen Nationen und ihre Eigenarten kennen. Darunter auch Bretonen: unerschrocken, cool, witzig – Segler wie aus dem Bilderbuch. Herrschafts(ge)zeiten! Ob das mit den gewaltigen Tiden in ihrer Heimat zusammenhängt?
Aremorica, wie die Kelten die Bretagne nannten, steht für „Land am Meer“. Trotzig erhebt sich die nordwestliche Ecke Frankreichs in den Atlantik. Die Vergangenheit ist voller Legenden über versunkene Städte und moosüberzogene Wälder, in denen Artus gewirkt haben soll. Pointe du Raz, Cap d‘Erquy und natürlich Cap Finistère – das Ende der Welt! Nicht nur die gewaltigen Tiden verschärfen das Segeln hier. Wind- und wetterumtoste Klippen, Strömungen und Häfen, die nur zu bestimmten Zeiten erreichbar sind, fordern höchste Aufmerksamkeit und Seemannschaft. Und überall Schiffe, vor allem Segelboote!
Tradition wird hochgehalten: wunderschöne klassische Holzschiffe, top gepflegt, rotes Segeltuch – und auch in der Kleidung vieler Bretonen spiegelt sich die Seefahrt wider. Die berühmten, blau-weiß gestreiften Bretonen-Hemden – „La Marinière“ – sind verpflichtend in der französischen Flotte! An den wunderschönen Stränden tummeln sich Surfer todesmutig auf vor allem im Winter enormen Wellen. In den Buchten vor den kleinen verwitterten Häfen üben Kinder ihre ersten Ausfahrten in Optimisten. Waghalsig und bereit fürs Meer und mehr – wie schon ihre Urahnen.
Jacques Cartier, der berühmteste bretonische Seefahrer, 1491 geboren im jetzt von Touristen gefluteten Saint-Malo, segelte zum Beispiel im 16. Jh. über den Atlantik und entdeckte Kanada. Jeanne de Clisson (1300–1359) – bekannt als die „Löwin der Bretagne“ – übte Rache für die Hinrichtung ihres Mannes und trieb ihr Unwesen im Ärmelkanal, massakrierte französische Adelige und legte Städte in Schutt und Asche. Dagegen ist Éric Tabarly (1931–1998), französischer Marineoffizier und Segler, der nach dem Sieg bei einem der ersten transatlantischen Einhandrennen zum Nationalhelden wurde, fast schon ein Langweiler. Er gilt als Schlüsselfigur für den Aufstieg des Hochseesegelns. In Lorient wurde ihm im Museum Cité de la Voile Éric Tabarly 2008 ein Denkmal gesetzt.

Meeresbewohner werden
Das Leben der Bretonen, der Segler, der Bootsfahrer, der Fischer und Austernzüchter passt sich an den Rhythmus der Gezeiten an. „Gezeiten sind gewaltige Wunder. Die Geschwindigkeiten und Eigenheiten der Gezeitenströmungen, ihre Farben und Launen, die Art und Weise, wie sie Felsen und Sandbänke formen und bewegen, die Wirkung des Windes, der mit oder gegen die Strömung weht, ihre Wellen, Wirbel und Eigenheiten sind dramatisch und tödlich“, schreibt Hugh Aldersey-Williams in seinem Buch „The Tide“. Spaziert man im Watt, hat man das Gefühl, für kurze Zeit selbst Meeresbewohner zu sein. Winkerkrabben, Austern, Wattwürmer und Hirnkorallen werden in ihren Brut- und Wachstumszyklen von Flut und Ebbe beeinflusst. Auch der weibliche Reproduktionszyklus des Menschen verläuft annähernd zirkulär, entsprechend einem 28-tägigen Rhythmus aus Spring- und Nipptiden. Niemand weiß, warum! Es lässt sich nichts erzwingen. Keine Ankunft, keine Abfahrt.
Die Austernbänke werden mit Traktoren abgefahren, sobald sich das Meer zurückzieht – die Fischerboote fallen trocken, die Segler verlassen zuvor ihre Boote mit Beibooten oder verlängern die Festmacher, bringen Stützen aus. Die Menschen wandern übers Watt, sammeln Muscheln, Hunde toben, einige bauen im Sand eine mobiles Beachvolleyball-Feld auf. Und dann dreht sich alles wieder um. Beobachtet man das Rückfließen des Wassers, das langsame Heben der Boote, die Veränderung der Landschaft, ist das faszinierend und beängstigend zugleich. Die Natur regiert. Der Mond diktiert. Und wer hier segelt, muss es können.








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