Blumen des Meeres | ocean7

Seeanemonen werden auch Seerosen oder Aktinien genannt. Diese Bezeichnungen verdanken sie ihrem blumenartigen Aussehen. Sie sind aber keine Pflanzen, sondern Tiere. Ihre pflanzengleiche Körpergestalt und ihre meist festsitzende Lebensweise hat sogar die frühen Naturforscher verunsichert. Man entzog sich der Verlegenheit, indem man die ganze Gruppe kurzerhand „Anthozoa“, das heißt „Blumentiere“, nannte.

Steckbrief einer Seeanemone 
Diese Tiere zählen zu den auffälligsten Meeresbewohnern, weil sie oft bunt gefärbt sind. Sie besitzen einen mehr oder weniger zylindrischen Körper. Am oberen Ende befindet sich die Mundscheibe mit einer zentralen Mundöffnung. Diese ist von einem oder mehreren Tentakelkränzen umgeben. Die Tentakel sind mit Nesselkapseln bestückt und können unterschiedliche Form und Länge haben. Die Tentakel sind hohl und mit dem Magen (Gastralraum) der Anemone verbunden. Am unteren Ende des zylindrischen Körpers ist meistens eine Fußscheibe entwickelt, mit der sich das Tier am Untergrund festhält. Auf Sandböden lebende Anemonenarten haben stattdessen einen fleischigen Fuß, mit dem sie sich im weichen Sediment eingraben können. Gut entwickelte Längs- und Ringmuskulatur erlaubt es den Anemonen, sich bei Störung rasch zu kontrahieren. Sie besitzen kein Skelett.

Seeanemonen sind radiär symmetrisch, was bei diesem Exemplar wegen der auffälligen Färbung besonders gut zu sehen ist. Im Zentrum der Scheibe befindet sich die Mundöffnung (Haddon’s Seeanemone, Stichodactyla haddoni mit Indischem Anemonenfisch, Amphiprion sebae).

Systematik

Die Mangrovenanemone (Abb. links) lebt im flachen Wasser auf Sandböden. Sie ist mit ihrem Fuß im Sand eingegraben und kann sich vollständig in den Untergrund zurück ziehen. Sie macht das regelmäßig und kann dadurch von einer Stunde auf die andere komplett verschwunden sein (Mangrovenanemone, Actinodendron sp.). Die Anemone auf dem mittleren Bild ist ein seltener Fund. Obwohl in 17 Meter Tiefe, leuchtet sie in kräftigem Rot. In dieser Tiefe ist der rotwellige Anteil des Tageslichts bereits absorbiert und rote Farbtöne sind bei Naturlicht nicht mehr sichtbar. Einzige Erklärung: die Anemone fluoresziert (Phyllodiscus sp.) Die Anemonenart auf der Abbildung rechtshat an der Spitze blasig aufgetriebene Tentakel und ist daher leicht zu erkennen. Die Mundscheibe ist klein und meist in Riffspalten eingezwängt (Blasenanemone, Entacmaea quadricolor mit Clark’s Anemonenfisch, Amphiprion clarkii).

Stamm CNIDARIA (Nesseltiere)
–> Klasse ANTHOZOA (Blumentiere)
–> Unterklasse HEXACORALLIA (Sechsstrahlige Korallen)
Ordnung Actiniaria (Seeanemonen)
Ordnung Antipatharia (Dörnchenkorallen)
Ordnung Corallimorpharia (Scheibenanemonen)
Ordnung Scleractinia (Steinkorallen)
Ordnung Zoantharia (Krustenanemonen)  

Die Prachtanemone trägt ihren Namen zu recht. Wenn sie ihre Tentakel einzieht, ist ihre prächtig gefärbte Körperwand zu sehen. Sie sitzt mit ihrer Fußscheibe auf Hartsubstrat und kann bei Bedarf auch langsam wegkriechen (Prachtanemone, Heteractis magnifica mit Malediven Anemonenfisch, Amphiprion nigripes).

Stichworte zur Biologie
Die meisten Arten der Seeanemonen sind getrennt geschlechtlich, es gibt also Männchen und Weibchen. Die Befruchtung der Eier erfolgt entweder im freien Wasser nach Abgabe der Gameten, oder intern im Gastralraum der weiblichen Tiere. Die entstehende Larve (Actinula) ist für mehrere Wochen Teil des Planktons, wird durch Strömungen verdriftet, setzt sich schließlich an geeigneter Stelle fest und wächst zu einer neuen Seeanemone heran. Falls dieser Standort allen Anforderungen entspricht wird die Anemone für viele Jahre dort bleiben. Bei ungünstigen Bedingungen wird sie langsam wegwandern. Je nach Art bevorzugen die Anemonen unterschiedliche Lebensräume. Man findet sie von der Wasseroberfläche und Fluttümpeln bis in große Tiefen. Sie besiedeln Felsküsten, Sandböden und Korallenriffe.

Die Anemone links hat sich zusammen gezogen und der Anemonenfisch hat dadurch Schwierigkeiten, sich zwischen den Tentakeln der Anemone zu verstecken. In Relation zu seiner eigenen Größe hat er eine sehr kleine Wirtsanemone gewählt (Prachtanemone, Heteractis magnifica mit Clark’s Anemonenfisch, Amphiprion clarkii). Nicht alle Seeanemonen sind auffällig und bunt. Manche Arten wie auf Abbildung rechts sind ausgesprochen gut getarnt und werden leicht übersehen. Die radförmige, graue Struktur in Bildmitte ist ebenfalls eine Seeanemone (Phyllodiscus sp.).
Wie ein kunstvoll gewebter Teppich schmiegt sich diese braune Seeanemone in das Korallenriff. Sie ist die Wohnstatt für ein Pärchen Anemonenfische, die mit der Seeanemone in Symbiose leben (Teppichanemone, Cryptodendrum adhaesivum mit Clark’s Anemonenfisch, Amphiprion clarkii).

Gesellige Lebensweise
Obwohl Seeanemonen mit Nesselkapseln bewehrt sind und daher von vielen Tieren gemieden werden, suchen gerade deswegen einige Spezialisten ihre Nähe. Das bekannteste Beispiel sind die Anemonen- oder Clownfische der Gattungen Amphiprion und Premnas. Sie leben in enger Gemeinschaft mit ihrer Wirtsanemone, werden von ihr nicht genesselt, und sind zwischen den schützenden Tentakeln der Anemone vor Freßfeinden sicher.

Die dünnen Fortsätze auf dem rechten Fotos sind keine Anemonententakel, sondern langgestielte Polypen einer Lederkoralle. Im Gegensatz zu den solitären Anemonen sind Lederkorallen kolonial, bestehen also aus vielen Einzel Individuen (Lederkoralle, Sarcophyton sp.). Abb. rechts: Auch Haarsterne werden manchmal mit Anemonen verwechselt, sind allerdings aus einem völlig anderen Tierstamm. Sie gehören zu den Stachelhäutern und sind mit Seesternen und Seeigeln verwandt (Goldhaarstern, Anneissia bennetti).

Auch einige Krebse leben zusammen mit Seeanemonen. Zarte Garnelen der Gattung Periclimenes sind an diesen sehr speziellen Lebensraum zwischen den Tentakeln farblich hervorragend angepasst und sind schwer zu entdecken. Porzellankrebse der Gattung Neopetrolisthes haben sich ebenfalls das Revier zwischen den Anemonententakeln erobert. Und schliesslich leben etliche Seeanemonen in einer Endosymbiose mit einzelligen Algen, sogenannten Zooxanthellen. Diese Symbionten versorgen die Anemone mit  Assimilationsprodukten ihrer Photosynthese und machen sie unabhängiger von der üblichen Plankton Nahrung.

Die Riesenanemone (Abb. links) kann einen Durchmesser bis zu 1,5 Meter erreichen. Sie ist mit ihrem Fuß in Spalten verborgen; die große Mundscheibe liegt lose am Untergrund auf und besitzt an der Unterseite orangefarbene Punktwarzen (Riesenanemone, Stichodactyla mertensii). Das Tentakelfeld der Riesenanemone ist ein reich strukturierter Lebensraum für Mitbewohner. Wer genau hinsieht wird in Bildmitte eine kleine Garnele entdecken (Riesenanemone, Stichodactyla mertensii). In der Nahaufnahme (Abb. links) ist die Garnele trotz ihrer perfekten Tarnung nun gut zu erkennen (Pfauenaugen-Partnergarnele, Ancylocaris brevicarpalis).

Verwandtschaft und Verwechslungen
Seeanemonen zählen zu dem Tierstamm Cnidaria, den Nesseltieren. Innerhalb dieses Stammes werden sie den Anthozoa, den Blumentieren, zugeordnet. Wegen innerer und äußerer Merkmale zählen sie zu den Hexacorallia. Ihre nächsten Verwandten sind damit unter anderem die Steinkorallen, Scheibenanemonen und Dörnchenkorallen. Etwas weiter entfernt sind die Leder- und Weichkorallen, Venusfächer und Seefedern. Manche Anemonen sind unverwechselbar, weil sie alle charakteristischen Merkmale der Gruppe deutlich zeigen, etwa die Prachtanemone Heteractis magnifica. Andere Anemonenarten sind nicht auf den ersten Blick eindeutig zuzuordnen. 

Ein weiterer Untermieter der Riesenanemone ist dieser Porzellankrebs. Mit seinen fächerförmigen Mundwerkzeugen fängt er vorüber driftende Partikel und Plankton, das ihm als Nahrung dient (Anemonen-Porzellankrebs, Neopetrolisthes maculatus).

Und schließlich gibt es Meeresbewohner, die Anemonen ähnlich sehen, aber keine sind. Dazu gehören die nahe verwandten Zylinderrosen, die jedoch unterschiedliche Tentakeltypen haben und in einer Röhre wohnen. Steinkorallen besitzen im Gegensatz zu den weichen Anemonen ein hartes Kalkskelett. Scheibenanemonen haben eine andere Anordnung der Tentakel, vermehren sich hauptsächlich vegetativ und sind im Gegensatz zu den meist solitären Anemonen oft in dichten Beständen anzutreffen. Leder- und Weichkorallen sind, anders als die Anemonen, kolonial und besitzen gefiederte Tentakel. Innerhalb der Quallen kann nur die semisessile Mangrovenqualle der Gattung Cassiopea mit Anemonen verwechselt werden. Selbst systematisch weit entfernte Organismen wie Haarsterne, die zu den Stachelhäutern zählen, werden manchmal irrtümlich für Anemonen gehalten. Im Lauf der Evolution haben sich spezielle Lebensformtypen aus verschiedenen systematischen Gruppen gebildet, die denselben Anforderungen mit ähnlichen Anpassungen begegnen. Die Seeanemonen gehören zu den erfolgreichsten und, subjektiv betrachtet, schönsten Modellen dieser Entwicklung.  

Nicht alles, was wie eine Seeanemone aussieht, ist auch eine. Zylinderrosen (Abb. links) sehen ähnlich wie Seeanemonen aus, sind aber anders organisiert. Sie leben in einer selbst gebauten Wohnröhre, in die sie sich blitzschnell zurück ziehen können (Zylinderrose, Cerianthus sp.). Die Sandgoldrose (Abb. rechts) lebt auf Sandböden des Mittelmeeres. Die Tentakel liegen flach auf dem Sandboden auf, die Tentakelspitzen sind violett bis blau gefärbt (Sandgoldrose, Condylactis aurantiaca).

Literatur
FAUTIN,D.R. & ALLEN,G.R. (1992). Field Guide to Anemone fishes and their Host Sea Anemones. 
Western Australian Museum Perth, 157pp. ISBN 0730952169

Dieser Artikel erschien in OCEAN7 05-06/2010. Wissenschaftliche Artnamen wurden in dieser Online-Version aktualisiert und gemäß WoRMS (World Register of Marien Species) auf den letzten Stand gebracht.

Dr. Reinhard Kikinger ist Meeresbiologe, langjähriger Kursleiter an der Universität Wien, an Feldstationen im Mittelmeer und auf den Malediven und schreibt seit 2007 für ocean7.

Fotos: Dr. Reinhard Kikinger

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