Seegraswiesen und Muschelbänke | ocean7

Die Nordadria ist das Hausmeer der Österreicher. Meine eigenen Erfahrungen sind wahrscheinlich stellvertretend für viele Landsleute, die das Meer im Lauf ihres Lebens entdeckten und lieben lernten. Italiens Sandstrände und die Felsküsten Kroatiens standen am Beginn. Als Kind lernte man dort schnorcheln und erkundete die aufregende Unterwasserlandschaft mit ihren geheimnisvollen Bewohnern. Jeder Rote Seestern wurde als sensationeller Fund gefeiert, mit letztem Einsatz hochgetaucht und leider manchmal auch getrocknet. Das stinkende Exponat verlor rasch die Farbe und führte zur Erkenntnis, dass man die Tiere in ihrem Lebensraum belassen muss.  

Von Dr. Reinhard Kikinger

Das Seegras Posidonia oceanica, auch Neptunsgras genannt, vereint in seinen Namen die Meeresgötter der griechischen und römischen Mythologie. Leider nützt ihm diese Verbindung zu höheren Mächten nichts, die Bestände gehen in der Nordadria seit Jahren zurück.

Die dalmatinische Felsküste wurde touristisch erschlossen, Griechenland und die Türkei waren die nächsten Ziele, und schließlich kamen sogar exotische Destinationen in tropischen Meeren in Reichweite. Mit der Artenfülle von Korallenriffen, Mangrovenwäldern und indopazifischen Inseln konnte die Nordadria nicht mithalten. Doch in Erinnerung blieben Seegras­wiesen, Algenwälder, interessante Fischarten und eine reiche Fauna der Felsküsten. Bei wiederholten Besuchen der Nordadria verfestigte sich jedoch der Eindruck, dass hier die Unterwasserwelt immer mehr verarmt.
Subjektive Täuschung? Es besteht immer die Gefahr, dass in der Erinnerung alte Erfahrungen schöner gespeichert sind, als sie tatsächlich waren. Persönlich ist es schwierig zu beurteilen, ob die Unterwasserwelt, die man vor Jahrzehnten in der Nordadria vorfand, wirklich gesünder und artenreicher war, als sie es heute ist. Objektive Antworten auf diese Fragen können nur wissenschaftliche Untersuchungen geben. Die Ergebnisse eines aktuellen Forschungsprojektes wurden kürzlich von einem Team der Universität Wien präsentiert. Die Kernaussage der Studie bestätigt die persönliche Beobachtung, dass die Nordadria komplette Ökosysteme verliert.

Posidonia gedeiht am besten in sauberem, lichtdurchflutetem Wasser und kommt auf Sedimentböden von 1 bis etwa 35 Meter, in besonders klarem Wasser sogar bis 50 Meter Tiefe vor. Der braune Teil ist das Rhizom, eine meist waagrechte Sprossachse, die mit Wurzeln im Sediment verankert ist. Aus den darüber liegenden Blatt-scheiden werden die grünen Blätter wie ein Förderband hervorgeschoben.

Meeresböden in der Nordadria
Die Studie untersuchte an acht Stationen nordadriatische Meeresböden in Kroatien, Slowenien und Italien, um herauszufinden, ob sich die ­Lebensgemeinschaften auf diesen Sand- und Schlammböden in den letzten Jahrhunderten änderten und wenn ja, in welche Richtung. Wie kann diese Fragestellung über einen Zeitraum von Jahrhunderten methodisch und aussagekräftig ­untersucht werden?
Dazu wurde ein natürliches ­Archiv an Zeitzeugen ausgehoben, nämlich Muschel- und Schneckenschalen, die in den Böden als vergrabene Relikte überdauerten. ­Diese alten Totgemeinschaften sind Indizien für die Lebensgemeinschaften der damaligen Zeit. Der Vergleich mit den heute an diesen Stationen lebenden Muschel- und Schneckenarten führte zu eindeu­tigen Ergebnissen.

Die Rhizome sind vieljährig und können dadurch riffähnliche Strukturen aufbauen. Ihr reichhaltiges Lückenraumsystem bietet einer vielfältigen Meeresfauna geeignete Lebensräume. Im Lauf einer Saison werden die Posidonia-Blätter zunehmend von Algen besiedelt. Diese Epiphyten wird Posidonia wieder los, indem sie ihre Blätter abwirft und neues Blattmaterial bildet. Die abgeworfenen Blätter werden von Strömungen und Wellen an manchen Küstenabschnitten an Land geworfen, wo sie zu imposanten Wällen aufgetürmt werden (Abb. rechts).

Archiv am Meeresgrund
Um von den alten Molluskenschalen auf die ehemaligen Lebensräume schließen zu können, waren ­genaue Artbestimmungen erforderlich. Es wurden hunderte Schalen untersucht. Sobald die Arten bestimmt waren, konnte durch ihre bekannten Lebensraumansprüche auf die damaligen Ökosysteme ­geschlossen werden. 
Um die Zeitspannen der Totgemeinschaften zu erfassen, wurden etwa 2.000 Schalen altersdatiert. Diese rekonstruierten Daten wurden mit den gegenwärtigen Tier­gemeinschaften verglichen und ­zeigen den dramatischen Niedergang dieses Lebensraums und den Verlust seiner Artenvielfalt.

Posidonia-Wiesen sind Kinderstube für zahlreiche Fischarten und Lebensraum für eine Fülle von Evertebraten. Auch Meeresschildkröten halten sich gerne in Seegraswiesen auf. Gehen die Wiesen verloren, dann verschwinden auch viele ihrer Bewohner.

Eindeutiger Trend
In den letzten Jahrhunderten wurden Arten, welche auf der Oberfläche der Sedimentböden leben, seltener. An Stelle dieser reichhaltigen Epifauna dominieren nun im Sand vergrabene Arten, opportunis­tische Kleinpartikel- und Planktonfresser. Die einst ­unterschiedlichen Gebiete der Nordadria mit Seegraswiesen, Muschelbänken und den sie bewohnenden Lebensgemeinschaften wurden zunehmend durch eintönige Sedimentflächen ersetzt.

Diese filzigen Kugeln werden oft an Stränden gefunden. Sie bestehen aus Rhizomfasern der Posidonia. Wellengang hat die Fasern
zu Kugeln geformt und schließlich an Land geworfen. Sie werden auch Meerbälle oder Seebälle genannt.

Die Gründe dafür sind vielfältig. Die Überdüngung durch Abwässer ging in den letzten Jahrzehnten durch neue Kläranlagen zwar zurück, aber andere anthropogene Einflüsse belasten das System nach wie vor. Katas­trophal wirkt sich die Bodenschleppnetzfischerei aus, die devastierte Meeresböden ­hinterlässt. 
Hinzu kommt der Klimawandel, der mit steigenden Wassertemperaturen die Bildung von Meeresschleim ­fördert und durch Sauerstoff­krisen zum Massensterben der Bodenorganismen führen kann.

Nicht nur Seegraswiesen, auch die Bestände der größten Muschel des Mittelmeeres, der Großen Steckmuschel Pinna nobilis, brechen ein. Die komplexen Ursachen des Pinna-Sterbens sind noch unbekannt, möglicherweise ist eine Virusinfektion Mitverursacher.

Schleichende ­Veränderung versus Kipppunkt
Die Studie der Wiener Paläontologen belegt eindrücklich den ökologischen Wandel der Nordadria während der letzten Jahrhunderte. Unsere persönlichen Beobachtungen erstrecken sich bestenfalls über einige Jahrzehnte, werden durch den langfristigen Trend aber bestätigt. Allerdings nehmen wir langsame Veränderungen nicht immer wahr oder wir verdrängen sie, wenn wir sie nicht wahrhaben wollen. 
Nicht mehr zu übersehen sind dann die Folgen, wenn Ökosysteme kippen. Im Sommer 2021 waren die Schleimplage im türkischen Marmarameer oder das Massen­sterben im spanischen Mar Menor, wo tonnenweise erstickte Fische angeschwemmt wurden, traurige Beispiele.

Wo sind sie geblieben? Algenwälder, Fische, Krebse und all die anderen Bewohner des Felslitorals fehlen an diesem von Seeigeln kahl gefressenen Küstenabhang.

Unterschiedliche Beurteilungskriterien
Wolkenloser Himmel, blaues Meer, malerische Sonnenuntergänge, angenehme Temperaturen, die Zikaden zirpen, Quartier und mediterrane Kost sind perfekt. Der Urlaub am Meer ist wunderbar! Leergefischtes Meer, jede Menge Müll ­unter Wasser, von Seeigeln kahlgefressenes Sublitoral, verschwundene Seegraswiesen und fehlende Braunalgenwälder. Der Urlaub am selben Ort kann erschreckend sein, wenn der Zustand der Unterwasserwelt beurteilt wird. 

Ortswechsel. Graue Riffhaie ziehen den Korallenpfeiler entlang, in der Ferne schweben zwei Adlerrochen vorüber, ein großer Napoleonfisch lässt sich von den Tauchern fotografieren. Der Tauchplatz ist fantastisch! Drei Safariboote sind hier, ein Taucher hängt neben dem anderen an der Riffkante, ihre Flossen zerbröseln die letzten Korallen, ein Tauchlehrer lockt den Napoleon mit Futter vor die Kameraobjektive. Ein zu Tode betauchter Platz, auf dem die Baumeister des Thilas, einstmals prächtige Korallen, zerstört sind. 

In beiden Beispielen fallen die ­Beurteilungen derselben Destina­tionen durch unterschiedliche Personen sehr unterschiedlich aus.
Das vordergründig Spektakuläre überdeckt meist das feine Netz ökologischer Zusammenhänge. Es liegt wie so oft im Auge des Betrachters. Subjektives Empfinden und der ökologische Systemzustand sind ­leider selten deckungsgleich.

Die Fotos von den Schleimschichten an der Oberfläche des Marmarameeres gingen im Sommer 2021 durch die Presse. Hier ist es nicht mehr möglich, eine Umweltkatastrophe zu negieren. Die Versuche, den Meeresschleim einzusammeln, waren vergeblich. Dieser Schlick sank in die Tiefe und legte sich dort als Leichentuch über alles Leben.

Fotos: Reinhard und Lilly Kikinger, Shutterstock.com

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